🌺 Von einem anderen Leben… 🌺 Teil 1

🌺 Von einem anderen Leben… 🌺 Teil 1

Ort: Moritzfeld / Region: Banat / Land: Rumänien

Ich wuchs auf in einer anderen Zeit, in einer Welt die jetzt verloren ist.

Unser kleines Dorf lag auf einer flachen Ebene, soweit das Auge reicht umgeben von Feldern, Weide- und Ackerland. Stachelige Akazien, Maulbeerbäume, Nuss- und Kastanienbäume säumten die Gassen. Wenn die Akazienbäume blühten, trug der Wind den betörenden Duft der weißen Blüten fast sichtbar durch die Luft.

Sobald es das Wetter erlaubte spielten wir barfuss auf der Gasse, die bei uns „Tamm“ hieß. Ich weiß noch, wie sich die Tamm unter meinen nackten Fußsohlen anfühlte. Im Sommer war sie so heiß, dass man kaum darauf laufen konnte. Die lehmige Erde wurde steinhart und grau, von langen gezackten Rissen durchzogen. Die Hitze drang durch die Fußsohlen bis in jede Faser meines Körpers und ich fühlte mich geerdet, eins mit diesem Stück Land – zuhause.

Wenn es dann aber ein Gewitter gab und der erlösende Regen auf unser Dorf hinab fiel, weichte die ganze Tamm auf und wurde zu einem schlammigen Morast. In den Vertiefungen die die Pferde- und Kuhhufe, die Kutschen und so manches landwirtschaftliche Gerät hinterlassen hatten, sammelte sich das Regenwasser und verwandelte die ganze Straße in eine Moorlandschaft. Spiegelnde Pfützen deren Tiefe schwer abzuschätzen war, unterbrochen von aufgeworfenen Erdschollen in der Farbe von dunkler Schokolade. Wir hüpften von Pfütze zu Pfütze, während der Schlamm zwischen unseren Zehen matschte – schmutzig und nass und glücklich.

Mitten auf der Tamm gab es den Trinkwasserbrunnen. Da fast kein Grundwasser vorhanden war, mussten die ersten Siedler sehr tief graben. Unser Brunnen war 50 m tief und führte ca. 35 m Wasser. Nur damit man so eine Vorstellung hat, aus welcher Tiefe das Wasser heraufbefördert werden musste …

Wir hatten kein fließendes Trinkwasser in den Häusern, deshalb musste man schon früh lernen mit dem großen und schweren Brunnenrad umzugehen. Eine schwere Arbeit, da der hölzerne Brunneneimer über 20 l Wasser fasste. Ein jeder ging mit seinen Eimern zum Brunnen, zog sich sein Wasser hoch und trug es nach Hause. Was waren wir Kinder stolz, wenn wir es schafften, die Eimer nach Hause zu tragen ohne den Großteil des kostbaren Inhalts auf dem Weg zu verschütten …

Wenn man in den mit Bruchsteinen ausgelegten Brunnenschacht hinabblickte, sah man weit unten in der Tiefe, das dunkel-geheimnisvolle Funkeln des Wassers. Es roch nass und kühl und leicht modrig. Wenn es sehr heiß war, legten wir uns manchmal in die seitlichen Steintröge des Brunnens. Eine Abkühlung aber vor allem eine Mutprobe. Denn jedes Kind wurde eindringlich gewarnt:„Spiel nicht am Brunnen. Du kannst hineinfallen und ertrinken. Niemand kann dich dort unten herausholen.“

Das stimmte natürlich nicht ganz. Man konnte sich durchaus in die Brunnen hinab lassen. Aber so klang die Warnung wesentlich beeindruckender. Und wir hatten Glück. Keiner ist hineingefallen. Zumindest keiner von uns Kindern.

Morgens öffnete man die kleinen Stalltüren für das Federvieh und Hühner, Enten- und Gänsescharen tapsten gackernd und schnatternd hinaus auf die Tamm. Im Frühjahr begleitet von ihren flauschigen Kücken, die Elterntiere wehrhaft und bereit ihren Nachwuchs vor den all zu stürmischen Menschenkinder zu verteidigen.

Die Hirten kamen in die Gassen, kaum das es zum Morgen hin dämmerte. Erst der Ziegenhirte, dann der Kuhhirte. Man musste seine Tiere nur vors Tor bringen, die Hirten sammelten sie ein und brachten sie auf die umliegenden Weiden.

Abends kamen die Tiere von der „Hutwed“ – der Weide – wieder heim. Die Hirten entließen sie am Ende der Gasse und sie kamen zielsicher zu ihrem Tor. Während die untergehende Sonne den flachen Horizont draußen auf der Hutwed in Purpur und Feuer badete, erklangen durch die Gassen die Glocken der heimkehrenden Tiere: Der hellere Klang der Ziegenglöckchen, die im schnelleren Rhythmus ihrer eiligen Schritte bimmelten und das tiefere, gemächlichere „Ding-Dong“ der Kuhglocken, die langsamer und würdevoller daherschritten.

Wir Kinder sprangen lärmend und miteinander rangelnd zum Brunnen um den vorderen Steintrog mit frischem Wasser zu füllen. Durstig meckernd und muhend tauchten die Tiere ihre weichen Nüstern in das kühle Nass und tranken gierig. Dann machten sie kehrt und stellten sich vor ihr jeweiliges Tor, lautstark um Einlass verlangend, ihre Euter prall gefüllt mit Milch.Das Leben wurde von den Jahreszeiten bestimmt. Von der Arbeit die auf den Feldern und rund ums Haus anstand. Von der Aufzucht, Fütterung und Schlachtung der Nutztiere. Und nicht zuletzt durch die Feste die man zusammen, als Dorfgemeinschaft, feierte.Das größte Fest war die Kerweih – das Kirchweihfest.

Jeder kannte jeden und irgendwie, über ein paar Ecken, war man auch mit (fast) jedem verwandt oder verschwägert. Die Leute grüßten sich mit „Krißgott“; man sprach sich an mit Vedder Hans und Vedder Joschi, die Frauen mit Wes Kati oder Wes Lina. Die Kinder wiederum sprachen die Erwachsenen respektvoll mit Joschi-Botschi oder Kati-Basl an.

Die Kinder wurden nicht nach ihren eigenen Namen gefragt. Allgemein fragte man: „Zu wem kerscht tu?“. Die Antwort half dem Fragesteller das jeweilige Kind zuzuordnen. Und zwar nicht nur seiner unmittelbaren Familie sondern auch Generationen zurückreichend.

Sonntags, wenn die Kirchenglocken läuteten ging es in die Kirche und Abends ging man „Maje“ – das heißt, man ging die Nachbarn besuchen. Zu meiner Zeit gab es schon Fernseher – bei weitem nicht in jedem Haushalt, aber immerhin … Es waren große unhandliche Ungetüme die nur grobkörnige schwarz-weiß Bilder produzierten, ohne Fernbedienung und nur unzuverlässigem Empfang. Letztendlich war das egal, denn selbst bei bestem Empfang gab es so gut wie kein Fernsehprogramm. Aber selbst wenn das alles funktioniert hätte, hätte uns die Stromversorgung einen Strich durch die Rechnung gemacht. Denn der Strom wurde mit den Jahren immer öfter und über immer größere Zeiträume ausgeschaltet.

Darüber wunderte sich keiner mehr oder regte sich gar auf. Man war eben darauf vorbereitet und hatte Kerzen und Petroleum-Lampen stets zur Hand. Bei flackerndem Kerzenlicht machte man sich ein eigenes Abendprogramm. Die älteren erzählten und die Kinder hörten zu oder spielten miteinander. Oft entstanden größere Kartenspieler-Runden oder Romme-Partien bei denen auch die Kinder mit Feuereifer dabei waren.

Ebenso oft wurde Musik gespielt. Es gab eigentlich immer jemanden, der ein Instrument spielen konnte: Akkordeon, Trompete oder mindestens Mundharmonika. Zuweilen fanden sich auch mehrere zusammen und es entstand spontan ein kleines Konzert. Manchmal lustig und fröhlich, manchmal auch traurig und voller Wehmut.
𝑺𝒆𝒊𝒅 𝒊𝒉𝒓 𝒏𝒐𝒄𝒉 𝒅𝒂𝒃𝒆𝒊? 𝑭𝒐𝒓𝒕𝒔𝒆𝒕𝒛𝒖𝒏𝒈 𝒇𝒐𝒍𝒈𝒕 …

Schreibe einen Kommentar