đŸŒșVon einem anderen Leben … đŸŒș Teil 2

đŸŒșVon einem anderen Leben … đŸŒș Teil 2

Ort: Moritzfeld / Region: Banat / Land: RumÀnien

Meine Oma war ZuckerbĂ€ckerin. Oma backte die herrlichsten Kuchen und Torten, Salzbrezel und Salzkipfel. Es gab eigentlich immer etwas zum naschen, selbst in Zeiten in denen die Beschaffung der nötigen Zutaten zu einer wahrhaftigen Herausforderung wurde. Unser Haus duftete stets sĂŒĂŸ nach warmem GebĂ€ck und Buttercreme, nach selbstgemachter Marmelade, Zuckerbusserl und Karameloblaten. Alle Kinder kamen gern zu uns ins Haus, denn wir durften immer probieren und die Töpfe mit unseren Fingern ausschlecken.

Niemand konnte so gute Salzbrezel machen wie meine Oma. Sie hat uns das Rezept hinterlassen und wir backen es buchstabengetreu nach. Aber irgendwie ist es nicht mehr das gleiche. Als ob die HĂ€nde meiner Großmutter ihnen eine ganz besondere, geheimnisvolle und nicht zu ersetzende Zutat beigefĂŒgt hĂ€tte.

Mein Opa war Hufschmied. Aus allen umliegenden Dörfern, manchmal auch von weiter weg, wurden die Pferde zu ihm gebracht zum beschlagen. Opa war ein großer, krĂ€ftiger Mann mit einer lauten, dröhnenden Stimme und einem fröhlichen, manchmal aufbrausendem Temperament. Zu uns Kindern war er aber immer liebevoll und sanft. Seine großen schwieligen HĂ€nde strichen uns federleicht durchs Haar und er mĂ€ĂŸigte vorsichtig seine Kraft, wenn er uns umarmte.

Auch mit den Pferden ging er vorsichtig um. Die Hufeisen und NĂ€gel wurden sorgfĂ€ltig ausgesucht und dem jeweiligen Pferd genau angepasst. Ich erinnere mich an die Hitze des Feuers in der Esse, an das laute, widerhallende Klopfen des schweren Hammers auf dem Amboss, wenn mein Opa das Hufeisen in Form schlug. An das rote GlĂŒhen des Metalls, wenn es aus dem Feuer kam und an den Qualm und den stechenden Geruch nach verbranntem Horn, wenn er das neue Eisen auf die Hufe des Pferdes drĂŒckte. Dann wurde es mit den HufnĂ€gel an die Pferdehufe angenagelt. Nicht jedes Pferd ließ diese Prozedur widerstandslos ĂŒber sich ergehen. Es kamen auch junge Pferde, die zum ersten Mal beschlagen wurden oder auch Ă€ltere, die etwas temperamentvoller waren oder woanders schlechte Erfahrung gemacht hatten. Dann war besonderes FeingefĂŒhl gefragt und manchmal mussten auch weitere MĂ€nner zur Hilfe kommen.

Wir Kinder standen herum und sahen gerne zu. Je nachdem was fĂŒr ein Pferd da gerade beschlagen wurde, mal nĂ€her, mal im sicheren Abstand. Wir spekulierten darauf, dass wir im Anschluss auf das Pferd aufsitzen und eine Runde durch den Hof drehen durften. Was uns meistens auch gewĂ€hrt wurde.Jeder Hof verfĂŒgte ĂŒber einen „Hambar“ – ein Kornhaus. Es war ein ĂŒberdachter Speicher aus Brettern die mit Abstand zueinander als gut belĂŒftete SeitenwĂ€nde dienten. Meistens nicht in Bodenhöhe gebaut sondern höhergestellt, so dass man mit einer Leiter ein paar Stufen hinaufsteigen musste um in den Hambar zu gelangen.

Im Herbst und Winter wurden im Hambar Getreide, Korn und Mais eingelagert. Aber im Sommer stand der Hambar meistens leer und man konnte ihn anderweitig nutzen. Meine Großeltern bauten ihn jeden Sommer fĂŒr mich um, zu meinem ganz eigenen Haus. Die zugigen BretterwĂ€nde wurden mit Decken und Teppichen zugehangen und ich durfte mein Haus nach GutdĂŒnken einrichten. Alle meine Spielsachen und LieblingsbĂŒcher fanden darin Platz und meine Oma gestattete mir sogar, Geschirr und Töpfe aus der KĂŒche zu entwenden um mir eine eigene SpielkĂŒche im Hambar einzurichten. Alle Kinder aus der Straße kamen zu uns um in „meinem“ Hambar zu spielen. Unser Hof erschallte von fröhlichem Kinderlachen, wenn wir ausgelassen spielten oder hĂŒllte sich in spannungsgeladene Stille, wenn wir uns wispernd unsere Geheimnisse anvertrauten, sicher verborgen in diesem in Decken und warmen Sonnenstrahlen eingehĂŒlltem Reich.

Meine schönsten Kindheitserinnerungen hĂ€ngen dort, gefangen zwischen diesen Brettern, durch die jetzt der Wind blĂ€st und niemand mehr weiß, wie glĂŒcklich wir einst dort waren.

Meine Mutter hat zwar aus diesem Dorf „herausgeheiratet“ und wir lebten in der Stadt Bocsa, wo ich auch zur Schule ging, aber jede Ferien und jedes nur mögliche Wochenende verbrachte ich im Dorf. Ich konnte es immer kaum erwarten zurĂŒckzukehren. Das herausragendste Merkmal des Dorfes, war der Kirchenturm, den man schon von weitem sehen konnte, wenn man sich dem Ort nĂ€herte. Aufgeregt hielt ich Ausschau, bis ich endlich die Turmspitze mit dem Kreuz sehen konnte und wusste, gleich bin ich da – im Zauberreich meiner Kindheit.

Das Dorf heißt Moritzfeld. Es liegt in der Banater Tieflandebene im Westen RumĂ€niens. Die Menschen dort bezeichnen sich als Banater Schwaben. Die Besiedlung Moritzfelds begann in der Zeit Joseph II, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und Mitregent Maria Theresias in der Habsburgermonarchie. Die ersten Siedler, die Ende des 18. Jahrhunderts das Dorf grĂŒndeten, stammten hauptsĂ€chlich aus dem Rheinland und der Pfalz, Lothringen und Baden-WĂŒrttemberg. Zu beginn des 19. Jahrhunderts, in der Zeit der „Donaumonarchie“ als das Gebiet zu Österreich-Ungarn gehörte kamen auch viele Ansiedler aus Tirol, Böhmen und MĂ€hren.

In Moritzfeld wurde eine sĂŒdwestrheinfrĂ€nkische Mundart gesprochen. Daneben gibt es manche österreichisch-bayrische EinflĂŒsse, die aber das vorherrschende PfĂ€lzisch im Kern nicht beeinflussen konnten.

Viele StĂŒrme und Kriege sind ĂŒber das kleine Dorf gezogen. Die LĂ€ndergrenzen zu denen dieses Dorf gehörte verschoben sich im Laufe der Zeiten immer wieder und die HoheitsansprĂŒche wechselten. Moritzfeld musste im Ersten und im Zweiten Weltkrieg große Verluste und Leid hinnehmen. Es folgten Verschleppung, Deportation und Zwangsarbeitslager. Ab 1945 sollte die Geschlossenheit der Bauernsiedlung durch die Zwangsansiedlung ortsfremder Kolonisten gesprengt werden.

Aber Moritzfeld blieb, was es war. Es stemmte sich entschlossen, ja geradezu verbissen, gegen alle Widrigkeiten und Assimilationsversuche. Es verĂ€nderte sich nur geringfĂŒgig und im allerkleinsten notwendigen Rahmen, von Generation zu Generation. Man musste sich zwar notgedrungen ein stĂŒckweit an die Zeit anpassen um zu ĂŒberleben, aber die Sprache, die Tradition und die Lebensart blieb stets erhalten. Konserviert wie in einer Zeitkapsel. Ein Fenster zu ihrer Vergangenheit und ihrer weit zurĂŒckliegenden, ursprĂŒnglichen Herkunft.

Erst die Revolution von 1989 sollte dem ein Ende setzen und das Ende dieser Welt einleiten.

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