Auszug aus dem Tagebuch der Gräfin Sophie Johanna von Aldenburg,
AD 1680

gesagt, dass dieser neue Pferdeknecht etwas Unheimliches an sich hat, doch er wollte nicht auf mich hören. Friedrich schmunzelt über meine Ängste, aber ich habe gesehen wie dieser Bursche Agnes anstarrt. Doch das ist noch nicht mal das Schlimmste. Dieses Schlimme welches ich Friedrich nicht sagen konnte, welches mir aber das Herz vor Furcht erstarren lässt, welches mich nicht mehr schlafen lässt… Es ist die Art wie Agnes ihn ansieht!

AD 14 IV 1680

Balder, so heißt er, der Pferdeknecht. Mehr ist nicht bekannt, mehr hat er nicht preisgegeben. Woher kommt er? Wer ist er? Aber das ist alles nicht wichtig… Ich bete dafür, er möge bald wieder in dem Nichts verschwinden aus dem er gekommen ist. Dennoch… Er muss, wie jeder andere auch, eine Mutter haben welche ihn auf diesen ungewöhnlichen Namen benannt hat. Balder, von Baldur, der nordische Gott des Lichts, Sohn von Odin und Frigg. Wusste diese unbekannte Frau um die Bedeutung des von ihr gewählten Namens? Wohl kaum. Nichts könnte unpassender sein. Wenn ich ihn ansehe, sehe ich kein Licht, nur Dunkelheit. Ja, er ist groß, und dunkel, und zornig, und hungrig. Ich verabscheue es, wie sich sein hungriger Blick in mein Kind bohrt!

Ich will noch nicht mit Agnes sprechen. Alles in mir schreckt davor zurück, mir diese letzte Bestätigung einzuholen. Dem Urteilsspruch, welcher über mein Kind gefällt wurde, Gültigkeit zu gestatten. Ich bin feige, aber ich klammere mich an ein letztes Fünkchen Hoffnung. Doch ich muss mit Friedrich sprechen. Mein Gemahl, Graf Friedrich von Aldenburg, liebt Agnes wie sein eigenes Kind.

Einzig sie war der Grund, weshalb ich in diese Ehe eingewilligt habe. Das Friedrich mir in inniger Liebe zugetan ist, mir ein Heim, ein sorgenfreies Leben unter dem Schutz seines Namens anbot, war nicht das Ausschlaggebende. Wie könnte es auch, da ich all dies annehmen sollte in der Gewissheit so wenig im Gegenzug geben zu können? Ich kann ihn nicht lieben, nicht auf diese Weise und dies wird sich, so lange ich lebe, niemals ändern. Noch schlimmer: diese Ehe wird keine gemeinsamen Nachkommen hervorbringen. Ich wünschte ich könnte es ändern… Nein! Das ist nicht wahr! Ich wünsche es gar nicht, denn selbst der theoretische Wille dazu, hat nicht den geringsten Platz in meinem Inneren. Aber was ich ehrlich wünschte, wäre, ich könnte ihm wenigstens ein klein wenig die Güte vergelten, die er mir und meiner Tochter angedeihen lässt.

Meine und Bens Tochter. Pater Benedict um genau zu sein, ein Mönch des Benediktinerordens. Ein Mönch den das Schicksal gezwungen hat sein Gelübde zu brechen um seine Gefährtin zu erkennen. Hatte er eine Wahl? Hatte ich eine? Es spielt keine Rolle mehr. Ben ist schon so viele Jahre tot, aufgerieben und gebrochen zwischen den Mühlensteinen seines Glaubens und dem unbezwingbaren Sog des Schicksals, bis nur noch Staub und Schmerz übrigblieb. Schmerz, so lebendig und real wie das Kind, welches wir in Sünde gezeugt haben: Agnes. Das Kind welches es nie geben dürfte, welches dennoch prädestiniert war das Licht der Welt zu erblicken. Um die Bürde weiter zu tragen. Meine geliebte Agnes, wie konnte ich deine Geburt geschehen lassen? Wie könnte ich ohne dich leben? Du bist der einzige Grund warum ich noch atme. Denn in Wahrheit bin ich schon lange tot. Gestorben und begraben, liege ich in dem schmucklosen Heidegrab, an meinen Geliebten geschmiegt, in seinen Gebeinen versunken.

Dass Friedrich all dies weiß und dennoch den Bund mit mir eingegangen ist, macht es nur umso bitterer für mich. Aber Agnes’ Zukunft hatte Vorrang. Unter dem Schutz des Hauses Aldenburg und als Friedrichs Erbin, stehen ihr alle Wege offen. Würden ihr offen stehen, wenn wir nicht verflucht wären, belegt mit einem uralten Bann, welchen wir nicht abstreifen, umgehen oder bekämpfen können. Und ich habe Angst! Unaussprechliche Angst, dass der Fluch auch meine wunderbare, fünfzehnjährige Tochter eingeholt hat.

AD 16 IV 1680

Es ist geschehen! Es ist wahr und ich spürte es noch bevor ich auch nur dem Gedanken gestattete Gestalt anzunehmen. Ich fühlte die Verlagerung in ihrem Inneren noch bevor meine Augen die schreckliche Wahrheit erblickten. Meine kleine Tochter, mein zartes Elfenkind, im Griff dieses dunklen, grobschlächtigen Riesen. Oh, ich wünschte, ich könnte den Anblick aus meinem Gedächtnis tilgen.

Ich habe sie gesehen, im Dämmerlicht des Stalls, Licht an Dunkelheit geschmiegt. Seine großen, schwieligen Hände um ihr kleines, herzförmiges Gesicht, beugte er sich über sie herab um ihren Mund zu kosten. Und ich habe die Offenbarung in ihren Augen gesehen.

Ich hatte keine Wahl. Ich musste ihr einst von dem Fluch erzählen und ihr gestatten das Schicksalskästchen zu öffnen. Sie glaubte daran, wie sie auch an meine anderen Märchen – von Elfen und Feen, von verwunschenen Prinzessinnen und verwegenen Prinzen, von Riesen und Zauberern – glaubte. Doch es ist keine Frage des Glaubens mehr, es ist ihr Gewissheit geworden und nichts und niemand kann dieses Tor je wieder schließen.

Manchmal erinnere ich mich daran wie es zwischen mir und Ben war. Erinnere ich mich richtig? Und ist meine Erinnerung die Wahrheit? Ben… ich wünschte du wärst hier. Nein, noch mehr wünsche ich mir, ich wäre bei dir. Bin ich vermessen, weil ich dir nicht einmal im Tode deinen Frieden gönne? Weil ich bereit wäre, über den Tod hinaus, nach dir zu suchen? Würdest du uns weiterhin verleugnen und dich für deine Schwäche hassen oder würdest du mich diesmal willkommen heißen? Ben, unsere Tochter ist in schrecklicher Gefahr!

 

AD 18 IV 1680

Friedrich hat den Pferdeknecht entlassen und von unserem Land gejagt. Agnes will ihm folgen. Ich weiß, dass ich sie nicht davon abhalten kann, genauso wenig wie ich den Verlauf der Meeresströmung verändern könnte oder der Sonne befehlen könnte, eines Morgens nicht mehr aufzugehen. Aber was kann ich tun? Kann ich etwas tun? Hat Friedrich recht?

Friedrich und Agnes haben sich gestritten. Wenn Agnes jetzt geht, hat sie keinerlei Hilfe von Seiten des Hauses Aldenburg zu erwarten. Sie und er wären mittellos, heimatlos, Verstoßene im Staub der Landstraße. Friedrich hat dem Pferdeknecht keinen Lohn und kein Empfehlungsschreiben ausgegeben. Er kann und wird dafür sorgen, dass dieser Mann keine neue Anstellung mehr findet. So will er Agnes dazu zwingen bei uns zu bleiben.

AD 19 IV 1680

Agnes hat sich entschieden. Ha! Entschieden! Noch nie gab es ein falscheres Wort um etwas zu beschreiben. Etwas anderes hat für sie entschieden.

Friedrichs Verbot trotzend, hat Balder hinter den schweren Eisentoren der ehemaligen Zugbrücke auf Agnes gewartet. Sie ging mit leeren Händen aber beschwingten Schrittes auf ihn zu und die Tore schlossen sich hinter ihnen. Ich fühle mich nicht, als ob man sie ausgeschlossen hätte, ich fühle mich, als ob man mich eingeschlossen hätte. Ich bin eingekerkert und kann mein Kind nicht mehr erreichen. Jesus Christus, steh uns bei. Ich glaube – nein – ich weiß, dass wir einen schwerwiegenden Fehler begangen haben.

Friedrich wird seine Entscheidung nicht rückgängig machen!

AD 23 V 1680

Ich hatte recht. Agnes kam nicht mehr zurück.

Aber ich habe sie gefunden, die Beiden gefunden, denn natürlich ist sie noch immer mit ihm. Sie leben in einer armseligen Kate am Rande eines Dorfes, etwa 5 Meilen von hier. Er versucht mit Hilfsarbeiten für den dringendst nötigen Lebensunterhalt zu sorgen. Er kann gut mit Pferden umgehen und seine Gestalt erweckt den Eindruck, er könnte die Arbeit mehrerer Männer alleine bewältigen. Doch all sein Geschick, seine Größe und Kraft nützen ihm nichts, wenn niemand ihn haben will. Es gibt nicht viele, die es wagen würden, sich den Unmut des Landgrafen zuzuziehen.

Agnes hat meine Gabe geerbt, die Gabe der Frauen in unserer Linie: das Wissen über die Heilwirkung der Kräuter. Dieses Wissen macht sie sich nun zunutze um ihr Einkommen aufzubessern, indem sie ihre Kräuter und Tinkturen feilbietet.

Die Hütte ist klein aber sauber. Es duftet nach Kräuter, Holzrauch, Lehm und Wildblumen. Letztere stehen in einem schlichten Tontopf auf dem grob behauenen Holztisch und bringen etwas Farbe in diese Höhle. Agnes freut sich mich zu sehen. Ich möchte schreien vor Kummer. Der Mann setzt sich unschlüssig auf einen wackeligen Schemel neben der Feuerstelle und brütet finster vor sich hin.

Was sind wir doch für Heuchler! Wir versuchen ein Gespräch in Gang zu bringen, als ob wir in unserem Gesellschaftszimmer im Schloss, bei Tee und Gebäck sitzen würden. Als ob nichts Schlimmeres geschehen wäre, als dass eine Teetasse zu Boden gefallen und zerschellt wäre. Dabei ist unser aller Leben zerbrochen. Während wir unverfängliche Nichtigkeiten von uns geben, denke ich darüber nach, wie ich mein Kind dazu bringen kann mit mir zu gehen. Und während sie mir lächelnd zuhört sehe ich die Entschlossenheit in ihren Augen als Antwort auf meine unausgesprochene Bitte. Sie wird nicht mit mir gehen! Sie wird ihn niemals verlassen! Wenigstens versucht er nichts zum Gespräch beizutragen. Er sitzt nur stumm da. Ich glaube nicht, dass ich seine Stimme oder seine Worte ertragen könnte.

Sie ist schmal geworden. Die Augen wirken riesengroß in ihrem blassen Mädchengesicht. Die Haut an ihren Händen ist gerötet und rissig. Es sind nicht mehr die Hände einer jungen Dame, sowie es nicht mehr die Augen eines unschuldigen Mädchens sind.

Und er weiß es. Er weiß, was er ihr genommen hat und dass er ihr im Gegenzug nichts geben kann. Ich sehe es in seinem Blick, wenn er sie nun durch meine Augen betrachtet. Er verkrampft sich und ballt die Fäuste als er meinen Blick auf sich gerichtet fühlt. Dann steht er wortlos auf und stapft davon. Er muss in der niedrigen Hütte den Kopf einziehen, seine breiten Schultern verdunkeln den Eingang.

Vielleicht sollte ich ihm nicht die Schuld geben und doch tue ich es. Gott vergebe mir, aber ich hasse ihn!

Ich ahne was er ist. Ich muss ihn nur ansehen und Übelkeit raubt mir den Atem. Er kennt keine Zärtlichkeit. Seine Berührung hinterlässt dunkle Male auf ihrer zarten, hellen Haut. Seine wortkarge, schroffe Art bewirkt das gleiche in ihrer Seele. Er zerbricht sie, allein in dem er denselben Raum mit ihr teilt.

Aber da sind Blumen auf dem Tisch, die er eigenhändig gepflückt hat um ihr eine Freude zu machen. Und meine Tochter lächelt ihn an und ihr Engelslächeln erhellt ihr Gesicht, bringt die ganze Hütte zum strahlen.

AD 2 VI 1680

Jetzt, nachdem Agnes fort ist, bindet mich nichts mehr an Friedrich. Vielleicht Dankbarkeit, aber sie allein wäre nicht stark genug um mich zu halten. Am liebsten würde ich weggehen um bei Agnes zu sein.

Der Grund warum ich bleibe, ist, dass ich glaube ihr so am besten helfen zu können. Und die vage Hoffnung, sie könnte doch zurückkehren und dann ein Heim und Schutz benötigen.

Ich gehe immer wieder hin. Heimlich, um Friedrich nicht dazu zu zwingen weitere Entscheidungen zu treffen, die wir alle bereuen würden. Ich bringe Agnes Nahrung, Kleidung, Wäsche, Geschirr, alles was ich herausschmuggeln und tragen kann. Die kleine Hütte ist bald zum bersten gefüllt. Es ist mir bewusst, dass ich hiermit den Vorsatz untergrabe, sie durch Not dazu zu zwingen, nach Hause zu kommen. Aber ich glaubte ohnehin nie wirklich daran.

Für jedes Mal an dem ich Agnes besuche und ihn nicht sehen muss, bin ich dankbar.

 

AD 7 VI 1680

Ich habe heute sein wahres Gesicht gesehen. Er ist jähzornig und unbeherrscht, grob und undankbar. Als ich in die Hütte kam, fand ich einen tobenden Wahnsinnigen vor. Er zerschlug all das schöne Geschirr, welches ich Agnes gebracht habe und warf die Wäscheaussteuer zur Tür hinaus, in den staubigen Hof.

Als er mich erblickte, zeigte er mit dem Finger auf mich, öffnete und schloss den Mund, aber kein Wort kam über seine Lippen. Seine Wangen waren vor Zorn gerötet, die wirren schwarzen Haare hingen ihm ins Gesicht. Dann schnappte er sich knurrend die Axt vom Spaltblock und stampfte mit langen Schritten in den Wald davon.

Er flößt mir Furcht ein. Wie kann es sein, dass meine zarte Tochter es Tag für Tag in seiner Nähe aushält?

Agnes stand in der Tür und starrte ihm mit tränenüberströmten Wangen nach. Ich ging zu ihr und nahm sie in den Arm.

„Es ist Zeit mein Kind, komm mit mir nach Hause.“

Sie riss sich von mir los und zum ersten Mal in ihrem Leben, schrie sie mich an:

„Balder könnte sehr wohl für unseren Lebensunterhalt sorgen, wenn ihr ihn nur lassen würdet. Wir wären nicht auf deine Almosen angewiesen. Dies ist jetzt mein Zuhause, Mutter!“

AD 3 VII 1680

Agnes erwartet ein Kind!

Ihr schmaler Leib ist nicht dafür geschaffen, die Brut dieses Ungeheuers zu beherbergen. Es wird sie töten.

Sie lächelt glücklich während sie sich an ihn schmiegt, die kindlichen Hände schützend vor dem bereits gewölbten Leib verschränkt. Aber er weiß es. Ohne Zweifel, weiß er um das Verbrechen, welches er begangen hat.

Ich verliere die Fassung, schreie ihn an, werfe ihm die Dinge an den Kopf die schon so lange in mir brodeln. Seine Scham und seine gemurmelten Entschuldigungen sind mir keine Genugtuung.

Agnes stellt sich schützend vor ihn. Verteidigt ihn mit ihrem Körper und mit Worten die, wie ich weiß, noch nie zuvor über ihre Lippen kamen. Ihr Zorn kann sich allemal mit meinem messen. Was hat er mit ihr gemacht? Ich erkenne mein Kind nicht wieder. Ihre sanfte, liebliche Schale platzt auf wie eine zu reife Frucht und darunter kommt eine neue Frau hervor. Hart, entschlossen, kompromisslos.

Bis ihre Anspannung und ihr Zorn nachlassen, und sie tränenüberströmt in seinen Armen Schutz findet. Er hält sie fest, wiegt sie, küsst ihre Tränen weg. Er wagt es, sie vor meinen Augen zu berühren! Seine leise gemurmelten Worte verwirren mich. Die Laute fremdartig, weich, fließend wie ein heidnisches Lied. Für mich vollkommen unverständlich. Aber meine Tochter scheint ihn zu verstehen. Woher kommt er? Welches verfluchte Reich hat seine Pforten geöffnet um ihn auszuspucken, damit er kommen kann um mir mein Kind zu rauben?

Sein wilder Blick bohrt sich, über ihrem silberhellen Haupt hinweg, in meinen, während er ihr beruhigend durchs Haar streicht.

Doch es ist nicht er, der die furchtbaren Worte ausspricht. Agnes, die Stimme dumpf vor Trauer, sieht mich dabei nicht an:

„Komm nie wieder her, Mutter!“

AD 3 VII 1680

Ich kehre auf halbem Wege um, kann sie so nicht zurücklassen. Ich darf nichts unversucht lassen.

In mir ist kein Zorn, keine Wut mehr. Nur noch Angst. Angst und die natürliche Regung mein Kind zu beschützen. Ich blende den Mann aus, ignoriere seine Existenz und habe nur noch meine Tochter vor Augen.

Ich flehe sie an, rede mit Engelszungen auf sie ein, gebe ihr Versprechen die noch vor ein paar Stunden undenkbar waren.

Ich kenne Mittel um das was in ihr wächst aufzuhalten. Es ungeschehen zu machen. Ich kann nicht allen Schaden beheben, ich kann ihr nicht alles Verlorene zurück geben, aber zumindest dieses eine muss nicht geschehen.

Niemals, so lange ich lebe, werde ich den Blick meines Kindes vergessen als sie entsetzt vor mir zurück weicht. Diesmal ist er es der mich hinauszwingt.

Er knurrt seinen Befehl in seiner gottlosen Sprache, die jetzt jegliche Melodik eingebüßt hat. Nicht, dass es einen Unterschied machen würde, denn der Inhalt erschließt sich mir ohnehin nicht. Die Bedeutung dafür sehr wohl. Zumal er seine Worte mit einer unmissverständlichen Geste Richtung Tür begleitet.

Ich weigere mich zu verstehen, weigere mich, freiwillig zu gehen. Er ist gezwungen sie loszulassen, um seinem Befehl Nachdruck zu verleihen. Mit regungsloser Miene umfasst er meinen Arm und zwingt mich zur Tür. Seine Berührung lässt mich vor Ekel und Widerwille erschaudern und ich kämpfe gegen das Würgen in meinem Hals an. Und gegen ihn. Doch er ist so unglaublich stark, dass ich ihm nicht den geringsten Widerstand entgegen setzen kann. Seine Pranken sind so groß, dass er mühelos, wie mit einer Schraubzwinge, meinen Oberarm umfassen kann.

Ich rufe noch immer ihren Namen, lange nach dem sich die Tür unwiderruflich hinter mir geschlossen hat.

„Agnes! Agnes!“

VIII  1680

Agnes, es vergeht kein Tag, keine Stunde in der ich nicht an dich denke. Selbst Friedrich kann seinen Kummer nicht mehr verbergen.

Wir versuchen es zu vermeiden uns gegenseitig die Schuld zuzuweisen. Doch die Worte nicht laut auszusprechen, lässt deren Existenz dennoch nicht entschwinden. Wir wandeln wie Geister durch die leeren Räume, unter steinernen Bögen und hallenden Gewölben, auf der Suche nach dir. Wir sind verweist, verloren, wie zwei verlassene Kinder in der Dunkelheit der Nacht.

Wer von uns hat an welchem Punkt gefehlt? Ab wann gab es kein Zurück mehr? Gibt es überhaupt die Chance ins Radwerk des Schicksals einzugreifen? Oder verliert man zwangsläufig, bei diesem Griff zwischen den Speichen, einen Teil von sich oder gar sein Leben? Ich fürchte… oh, ich fürchte…

… in den Wahnsinn abzugleiten…

Zu Friedrichs Kummer über deinen Verlust, kommt noch der Schmerz hinzu, mich ebenfalls verloren zu haben. Er begreift noch immer nicht, dass er mich in Wahrheit nie besessen hat.

Lang verdrängte Bilder steigen aus dem Nebel der Erinnerung auf. Ben und ich… Ich rede mit ihm, suche ihn zu erreichen, über alle naturgegebenen Grenzen hinweg. Ich werde dir ein Geheimnis verraten! Ein Geheimnis, welches mir gleichzeitig Furcht einflößt und mich dennoch unsagbar glücklich macht. Denn dein Vater, dein wahrer Vater, spricht ebenfalls zu mir. Und manchmal, in letzter Zeit, kann ich ihn sogar aus dem Augenwinkel sehen. Doch jedes Mal, wenn ich mich ihm zuwende, ist er nicht mehr da, es bleiben nur wirbelnde Staubpartikel in einem verirrten Sonnenlichtstrahl, oder vom Wind getriebene Nebelschwaden.

Das Band zwischen uns war so mächtig, dass keine irdischen Gesetze ihm etwas anhaben konnten. Ist es mit dir und Balder ebenso? War es bei allen die uns vorausgingen das Gleiche? Ich durchwühle immer wieder unser Schicksalskästchen auf der Suche nach Antworten. Wenn es so ist, kann vielleicht keiner von uns was dafür. Selbst Balder nicht… Du siehst, ich bin bereits so weit, selbst dies zu akzeptieren. Ihn zu akzeptieren.

Aber es scheint zu spät zu sein. Meine unzähligen Briefe kommen mit ungebrochenem Siegel zurück.

AD 13 IX 1680

Ein Klopfen in der Nacht. Die entsetzliche Furcht, welche von mir Besitz ergreift, gellt ohrenbetäubend in meinem Kopf: NICHT ÖFFNEN! Ist es nicht so, dass wenn wir das Grauen nicht ausdrücklich hereinbitten, es keine Macht hat, über unsere Schwelle zu treten? Aber nein! Mein zerrütteter Geist verwechselt erneut Mär mit Sein. Wir öffnen das Tor. Welche Wahl hätten wir auch?

Balder steht vor uns. Sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Er, der nie mehr als zwei Worte an mich gerichtet hat, fleht uns um Hilfe an. Seine Stimme tief und rau, wie eine grauenhafte Anrufung aus einem frisch zugeschütteten Grab.

Er spricht unsere Mundart, aber selbst wenn er die verfluchte Sprache der Dämonen der Hölle verwenden würde, hätte es für mich keinen Unterschied gemacht. Die Laute prallen an mir ab, fliegen an meinen Ohren vorbei, ohne zu mir durchzudringen. Aber das ist gar nicht nötig! Ich weiß ohnehin was er uns sagen will:

Meine Agnes, mein Kind, mein Engel, mein Ein und Alles ist tot!

Friedrichs laut dröhnende Fragen und Balders verzweifelt drängende Antworten, werden auf makabre Weise von meiner sinnlos gestammelten Litanei untermalt:

„Herr erbarme dich, Christus erbarme dich, Maria, Mutter Gottes steh uns bei…“

Erst als Friedrich, Befehle brüllend in der Empfangshalle verschwindet, löse ich mich aus meiner Erstarrung. Meine Hand greift nach oben, krallt sich in Balders Hemd fest und ich ziehe ihn grob an mich heran. Seine Stärke, seine ganze Kraft ist weg, willenlos lässt er mich gewähren.

„Warst du es? Hast du sie getötet?“

„Ja…“

Die abgrundtiefe Verzweiflung in diesem einen Wort… Als ob er selbst, hier auf meiner Schwelle, eines qualvollen Todes sterben würde. Für einen irrationalen Moment bin ich versucht ihn zu stützen, ihm Trost zu spenden. Aber nein! Er verdient keinen Trost!

Hasserfüllt zische ich ihm zu:

„In den tiefsten Flammen der Hölle sollst du auf ewig brennen!“

Er ist schon die halbe Treppe hinab als mich seine gebrochen hervorgestoßene Erwiderung erreicht:

„Da bin ich schon längst.“

Wie die Irrsinnigen rennen wir in die dunkle Nacht hinaus. Friedrich voraus. Ich könnte ihm sagen, dass es zu spät ist, aber ich renne mit, überhole ihn. Ich höre die Schreie, lange bevor mir bewusst wird, dass ich es bin, die sie ausstößt.

Wir lassen die Kutsche einspannen und hetzen Gefährt und Pferde in die Sinnlosigkeit. Wir fliegen über die Heide, verschluckt durch Nacht, und Sturm, und Wind. Geister in einer Geisterwelt. Friedrich ruft mir etwas zu. Sein Mund bewegt sich aber ich kann nichts hören. Ich höre, sehe, fühle nichts mehr.

Balder ist schon lange weg, irgendwo vor uns. Er ist zu Fuß schneller als unsere an den Rand ihrer Möglichkeiten gepeitschten Pferde.

Aus der Dunkelheit schälen sich die schiefen Umrisse der Kate, in der meine Tochter ihre letzten Monate verbracht hat.

Balder kniet auf dem Boden, halb über die schmale Gestalt auf der armseligen Bettstatt gekauert. Kurz nimmt mich sein Anblick gefangen. Noch nie habe ich einen solchen Ausdruck im Gesicht eines Menschen gesehen, soviel Verzweiflung. Oder vielleicht doch… Vielleicht hatte mein Gesicht einst den gleichen Ausdruck, damals, als ich im peitschenden Wind der winterlichen Heide, an Bens Grab stand. 

Dann, unter größter Anstrengung, gleitet mein Blick zu ihr. Ich sehe Blut. Blut, welches ihre silbernen Locken in ein grauenhaftes rotbraun färbt und das Kissen durchtränkt, auf welchem ihr Kopf ruht. Blut, welches in unnatürlich großen Mengen zwischen ihren Schenkeln hervorquillt und das Bett in ein Schlachtfeld verwandelt. Und ich begegne ihren Augen, die mit der Gelassenheit der bereits Erlösten auf mir ruhen.

Ab da verschwinden die Handlungen aller im Raum anwesenden, in einem Wirbel aus undeutlichen Bildern und Geräuschen. Die einzelnen Bilder flackern jeweils nur kurz in meinem Gedächtnis auf:

Agnes’ flehend ausgestreckte Hand.

Der erste Schrei des neugeborenen Kindes.

Meine Tochter, die mich mit überraschender Kraft zu sich zieht, um mir ihre letzten Worte ins Ohr zu flüstern.

Agnes, Balder und das Kind, die sich in einem unentwirrbaren Knäuel verschlungen aneinander klammern.

Die überquellende Liebe, die sie in einer stummen Botschaft zu ihrem Gefährten und das gemeinsame Kind schickt.

Ihr letzter Atemzug.

Balder, der wie von Sinnen brüllend, mit Fäusten und Schädel gegen die massive Holzwand schlägt, bis auch sein Blut in Strömen herabfließt.

Die Ankunft des von Friedrich herbeizitierten Vogts und dessen Bütteln, reißt uns alle aus diesen Sog des Wahnsinns in die Realität. Balder, blutüberströmt, mit irr glitzerndem Blick, lässt sich widerstandslos von den Bütteln festnehmen, während Friedrich mit dem Vogt spricht.

Ein letztes Mal streckt Balder die Hände nach seinem neugeborenen Kind aus, bevor sie ihn abführen. Aber ich trete zurück, aus seiner Reichweite weg, und drücke das Kind enger an mich.

Er hat mir mein Kind genommen, nun habe ich seines! Ich sehe den winzigen Säugling in meinen Armen an und, so sehr ich seinen Vater auch verabscheue, wünsche ich mir in diesem Augenblick nichts mehr, als dass es ein kleiner Junge wäre. Ein Sohn, seinem abscheulichen Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, mit dessen dunklen Haaren und schwarzen Augen. Sogar das wäre mir lieber, angesichts der Alternative. Aber selbstverständlich ist dem nicht so.

Ich halte sie in meinen Händen, diese Tochter meiner Tochter, und in mir erstirbt auch das letzte bisschen Hoffnung. Ihre silbernen Locken lugen unter dem armseligen Tuch, in dem sie eingewickelt ist, hervor. Ihre violettfarbenen Augen blitzen hell auf im Kerzenschein und in ihren Tiefen schimmern verbotene Kenntnisse. Ich weiß um das Geheimnis welches sie in sich verbirgt und bald, schon viel zu bald, wird sie es ebenfalls wissen.

AD 16 IX 1680

Wir haben Agnes zu Grabe getragen. Sie hat ihre letzte Ruhestätte in der Familiengruft des Hauses Aldenburg gefunden. Sie, die meine Tochter war. Sie, die Friedrich von Aldenburg ebenso als die seine anerkannt hat, über den Tod hinaus.

Friedrich, der dieses neue, schwach flackernde Leben in unserem Haus ohne Zögern als seine Enkelin angenommen hat.

Wir werden das Kind bald taufen lassen. Ihr Name, eine Abwandlung des Namens ihrer verstorbenen Mutter, gepaart mit der Gabe meines ersten Namens und dem Familiennamen ihres vermeintlichen Großvaters: Neisa Sophie von Aldenburg.

Ein Kuckuckskind, wie ihre Mutter. Durch meine Schuld. Der Herr möge unseren Seelen gnädig sein.

AD 19 IX 1680

Balder wäre ohne Zweifel zum Tode durch den Strang verurteilt worden, für den Mord an Agnes, der Tochter des Landgrafen Friedrich von Aldenburg und seiner Gattin, Gräfin Sophie Johanna von Aldenburg. Doch er entschied sich dem Scharfrichter diese Mühe abzunehmen. Am Tag von Agnes Beerdigung fand man seinen leblosen Körper, zusammengekauert in einer dunklen Ecke der kleinen Gefängniszelle, in einem Meer von Blut.

Er hatte es geschafft, an den Wachen vorbei, eine Waffe zu schmuggeln. Nicht um sich aus seiner Gefangenschaft zu befreien – nein – er befreite sich damit aus seinem Leben, indem er sich mit der kleinen Stichwaffe sämtliche Adern im Leib öffnete.

Ende Dezember 1680

Ich finde keinen Schlaf mehr. Ich fürchte mich davor die Augen zu schließen. Denn dann kommen die Bilder, hervorgerufen durch die letzten Worte meiner einzigen Tochter. Die Wahrheit über das, was in jener Nacht geschah, geflüstert ins Ohr ihrer Mutter, in der Stunde ihres Todes.  Die Wahrheit, die, als es darauf ankam, vollständig von meinem unerbittlichen Hass überdeckt wurde. Die Wahrheit, welche es zu spät ist, sie noch zu enthüllen:

Balder, krank vor Sorge um seine hochschwangere Gefährtin, wie er verzweifelt versucht, sie dazu zu überreden, zurück zu ihrer Mutter zu kehren. Sich in deren Obhut zu begeben, wenigstens bis nach der Geburt des Kindes. Der bereit ist, seinen Stolz zu opfern, bereit ist, alles zu vergeben und zu vergessen, nur um seine Geliebte und sein Kind zu schützen.

Agnes, die sich beharrlich weigert ihn zu verlassen, sei es auch nur für kurze Zeit.

Balder, der zu dem letzten Mittel greift und seine körperliche Überlegenheit ins Spiel bringt, um sie notfalls mit Gewalt ins elterliche Haus zurück zu schleifen.

Agnes, die sich gegen ihn wehrt. In der kleinen Hütte mit ihm kämpft. Kratzt, und beißt, und um sich schlägt. Agnes, die seinem Griff entgleitet.

Balder, dessen Hände ins Leere greifen.

Agnes, die fällt, fällt… Das grauenhafte Knacken, als ihr Kopf gegen die Steinumrandung des Kamins schlägt.

Balders Schrei, der von den Wänden widerhallt. Sein Schrei, der in meinem Kopf nachhallt, jede Nacht.

Herr, vergib’ mir, denn ich habe gesündigt!