Die Legende

Es war einmal …

Vor langer, langer Zeit war ein Holzfällertrupp in den tiefsten Wäldern Sibiriens unterwegs, um ihren letzten Auftrag für dieses Jahr abzuschließen. Die zehn Männer kamen aus einem kleinen, armen Dorf am Ufer des Witim und arbeiteten schon viele Jahre zusammen. Der Sommer war allzu kurz gewesen und der plötzliche und heftige Wintereinbruch kam früher als erwartet und brachte eine klirrende Kälte mit sich. Dies war ihr letzter Abend und ihre letzte Nacht in den Wäldern. Schon morgen würden sie ihr Holz bei ihrem Auftraggeber, einem ansässigen Gutsbesitzer, abliefern. Dann würden sie nach Hause in ihr Dorf, zu ihren Frauen und Kindern, zurückkehren und auf den nächsten Frühling warten.

Der Schnee fiel wie ein Vorhang in dichten, lautlosen Flocken und bedeckte den Boden und die Bäume mit einer glitzernden, funkelnden Decke. Das fahle Licht des Vollmondes reflektierte in den Schneekristallen und verwandelte den Wald in eine unwirkliche Märchenlandschaft. Es war eine dieser Nächte, in der die Grenzen zwischen dieser und der Anderswelt verschwammen und auch der Vernünftigste nicht mehr mit Sicherheit sagen konnte, wo das eine aufhörte und das andere begann.

Die zehn Männer saßen dicht gedrängt am Feuer, welches ihr einziger Schutz gegen die Kälte und die Wölfe war, die heulend und hungrig zwischen den Bäumen herumschlichen. Die Stille des Waldes und der Schnee verstärkten das Geheul der Wölfe zu einem unheimlichen, fremdartigen Klagelied. So mancher von ihnen dachte – unter dem Einfluss des Mondes und der Nacht – darüber nach, ob die Kreaturen, die da draußen herumstrichen, tatsächlich nur gewöhnliche Wölfe waren. Um ihren eigenen Gedanken und der Stille zu entkommen, erzählten sie sich lautstark von vollbrachten Heldentaten und erlebten Abenteuern.

Plötzlich hob ihr Vorsteher eine Hand und bedeutete seinen Männern zu schweigen. Sie lauschten in der darauf folgenden Stille aufmerksam in den Wald hinein. Das Geheul der Wölfe war verstummt und so nervenaufreibend es auch gewesen war, seine Abwesenheit ließ die Männer angstvoll erschaudern. Und dann hörten sie ein anderes Geräusch, welches ihnen das Blut in den Adern stocken ließ. Es war ein einsamer, verzweifelter Laut, der in der Stille und dem Wald widerhallte. Hoch und klagend und dennoch so menschlich. Manche von ihnen meinten auch vereinzelte Wörter herauszuhören.

Obwohl es keinem von ihnen danach zumute war, beschlossen sie dem Geräusch zu folgen, um seine Quelle herauszufinden. Keiner von ihnen wollte seine Angst vor den anderen zugeben und so zündeten sie am Feuer Fackeln an und schritten gemeinsam tiefer in den Wald. Nach einiger Zeit stießen sie auf eine Lichtung und an deren Rand blieben sie alle so ruckartig stehen, als ob sie gegen eine unüberwindbare Mauer gelaufen wären.

Das Bild, welches sich ihnen auf dieser Lichtung bot, ließ sie erstarren. So mancher von ihnen bekreuzigte sich und wich erschrocken zurück. Denn mitten auf der Lichtung, beleuchtet von den hellen Strahlen des Vollmondes, umgeben von tänzelnden, glitzernden Schneeflocken, stand ein kleines Mädchen. Sein herzzerreißendes, klagendes Weinen wurde nur ab und zu von ein paar unverständlichen Worten unterbrochen. Ihre Tränen, die die blassen Wangen hinab liefen, verwandelten sich auf ihrem Weg in schimmerndes Eis. Das Kind war höchstens vier oder fünf Jahre alt. Es hatte langes, silbernes Haar und helle, den Mondschein widerspiegelnde Augen. Es trug nur ein leichtes, weißes Kleidchen und schien ganz allein zu sein.

Die Männer zogen sich zurück und beratschlagten, was hier zu tun wäre. Die meisten von ihnen meinten, dass dies kein Menschenkind sein konnte. Vielleicht ein Kind der Feen, ausgeschickt, um sie ins Feenreich zu locken und nie wieder freizugeben. Andere wiederum hatten von Wölfen gehört, die sich in Menschen verwandeln konnten. Vielleicht gehörte das Kind zu ihnen?

Nur einer, Ivan, der älteste von ihnen, beinahe ein Greis, näherte sich vorsichtig dem Kind. Er hatte in seinem Leben schon viel gesehen und war nicht so leicht zu erschrecken. Er bemerkte, dass die Kleine am ganzen Körper zitterte, dass ihre Hände und Füße und ihre Lippen blau von der Kälte waren. Er hatte noch nie von Feen gehört, denen das Wetter etwas ausmachte oder von Wölfen, die froren. Behutsam näherte er sich dem Kind und redete beruhigend auf es ein. Es richtete seine seltsamen Augen auf ihn und flüsterte flehend die Worte, die es bisher auch schon ständig wiederholt hatte:

„Alio! Anns balis!“

Ivan zog mit bedächtigen Bewegungen seinen Mantel aus Schaffellen aus und wickelte ihn vorsichtig um das zitternde Kind. Dann, als die Kleine sich nicht wehrte, hob er sie hoch und ging mit ihr in den Armen auf seine Gefährten zu. Diese wichen erschrocken zurück, aber der Alte sagte gelassen:

„Es ist nur ein Kind! Es ist nur ein armes, kleines Mädchen!“

Es waren gottesfürchtige Männer und da Ivan die Kleine schon im Arm hielt, konnten sie nicht mehr vorgeben, nichts gesehen zu haben. Nun wagten sie es nicht mehr, das Kind zurückzulassen und so war es entschieden, dass sie das Mädchen mitnehmen würden. Aber ihr Mitgefühl ging nicht so weit, dass sich einer von ihnen anbot, das seltsame Kind, deren Sprache niemand verstand, zu sich nach Hause zu nehmen. Im hellen Licht des nächsten Tages stellten sie fest, dass die Kleine ganz eigentümliche violettfarbene Augen hatte. Etwas, das keiner von ihnen je zuvor gesehen hatte. Sie flüsterten untereinander, dass – auch wenn es nur ein kleines Mädchen war – es vielleicht doch einen triftigen Grund gab, warum es im Wald zurückgelassen wurde. Und so brachten sie das Mädchen zu ihrem Auftraggeber und lieferten es zusammen mit dem Holz bei ihm ab. Schließlich war er der Gutsbesitzer, auf dessen Grund und Boden sie das Kind gefunden hatten. Sie sahen dadurch ihre Christenpflicht als erfüllt an und kehrten beruhigt nach Hause zurück. Keiner von ihnen würde jedoch, zeit seines Lebens, diese Nacht vergessen können.

Der Gutsbesitzer, Pjotr, übergab das Kind seiner Frau Jekaterina und vergaß es bald darauf. Jekaterina war eine warmherzige, mütterliche Frau und das verlassene Mädchen rührte ihr Herz. Sie und ihr Mann hatten zwar einen Sohn und Erben, doch Andrej war bereits zehn Jahre alt und weitere Kinder – obwohl sehnlichst erwünscht – waren ihnen nicht beschieden. Und so nahmen sie das Mädchen an Kindes statt an. Da die Kleine weiterhin immer wieder die Worte „anns balis“ wiederholte, nahm Jekaterina an, dass es sich dabei um den Namen des Kindes handeln könnte und nannte das Mädchen fortan Anna.

Anna und Andrej wurden unzertrennlich. Man traf nie den einen ohne den anderen an. Andrej wurde Annas bester und einziger Freund: ihr großer Bruder, den sie über alles verehrte. Er war ihr Vorbild und Beschützer, denn die Dorfbewohner und insbesondere die anderen Kinder verspotteten und hänselten sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Ihre mysteriöse Herkunft und ihr ungewöhnliches Aussehen waren nicht gerade dazu angetan, Anna in die Dorfgemeinschaft zu integrieren. Sie riefen sie Snegurotschka – Schneemädchen –, aber das war noch eine der netteren Bezeichnungen, mit welchen man Anna versah. Viel schmerzlicher waren die anderen Schimpfnamen, die man ihr – mehr oder weniger offen – gab: Hexenkind … Feenbalg …

Allerdings entwickelte sie sich mit den Jahren zu einer solch strahlenden Schönheit, dass keiner mehr die Lust verspürte, sie zu verspotten, und so mancher Jüngling im Dorf begann ihr nachzustellen. Die offene Bewunderung der Männer brachte ihr aber gleichzeitig den bitteren Neid der Frauen ein. Und so empfand Anna die neue Situation beinahe noch unerträglicher, als die vorhergehende. Nur Andrej blieb unverändert ihr liebster Freund, dem sie vertraute und mit dem sie über alles sprechen konnte.

Außer ihrer Schönheit hatte sie aber offensichtlich noch eine Gabe in die Wiege gelegt bekommen, die sich mit der Zeit immer deutlicher zeigte. Sie konnte die Heilwirkung der Pflanzen mit einem einfachen Blick erkennen. Sie wusste, wozu sie gut waren und wie sie eingesetzt werden mussten, um ihre Wirkung zu entfalten. Sie konnte es sich selber nicht erklären, aber sie wusste es einfach. Dieses Wissen war so instinktiv und so tief in ihr verwurzelt, dass sie es nie in Frage stellte und nie daran zweifelte. Und noch eine andere Kraft war ihr gegeben: Sie hatte heilende Hände. Sie konnte durch Handauflegen die Ursache so mancher Krankheit erkennen und diese lindern, in Verbindung mit ihren Kräutern sogar in den meisten Fällen heilen.

Nach und nach gewann sie den Respekt und die Anerkennung des Dorfes. Ihr Ruhm verbreitete sich bis weit über die Dorfgrenzen hinaus und Menschen von nah und fern begannen sie aufzusuchen und um Rat und Hilfe zu bitten.

Andrej, der sie jetzt mit immer mehr Menschen teilen musste und auch die Aufmerksamkeit der anderen Männer Anna gegenüber bemerkte, wurde maßlos eifersüchtig. Denn er liebte Anna schon lange. Nicht wie ein Bruder, sondern mit der ganzen Inbrunst seines Herzens, wie ein Mann die einzige, große Liebe seines Lebens liebt. Für ihn gab es nur Anna, hatte es immer nur Anna gegeben.

Er fiel ihr zu Füßen und hielt um ihre Hand an. Und Anna, die ihn auch von ganzem Herzen liebte, stimmte zu. Sie dachte nicht daran, dass seine Liebe zu ihr eine andere war als ihre zu ihm. Er war ihr Freund, ihr Vertrauter, der einzige, der in Frage kam. Und sie würde ihn nie enttäuschen. Er war überglücklich und sie fand ebenfalls in dieser Ehe ein stilles, friedvolles Glück.

In ihrem ersten Ehejahr starb Andrejs Vater und seine Mutter Jekaterina folgte ihrem Mann kurze Zeit später. Anna und Andrej trauerten angemessen um beide. Andrej erbte den Hof, es ging ihnen gut und das Leben ging weiter. Sie führten eine gute Ehe, gingen freundschaftlich und respektvoll miteinander um. Andrej war stets liebevoll und aufmerksam. Er zeigte ihr häufig mit kleinen Gesten und lieben Worten, wie viel sie ihm bedeutete. Anna fand, dass man nicht mehr vom Leben erwarten konnte und war zufrieden.

Ihr Glück wurde vollkommen, als sie bemerkte, dass sie guter Hoffnung war.  

Dann aber wendete sich das Blatt. Es brach ein Krieg aus und Andrej musste Anna verlassen und in den Kampf ziehen. Der Abschied war schwer, doch sie hofften auf ein baldiges Wiedersehen. Stattdessen kam bald die alles vernichtende Nachricht: Ihr Mann war im Kampf gefallen. Anna war nun wieder allein und verlassen, aber der Gedanke an ihr ungeborenes Kind gab ihr Hoffnung und Kraft. Im Frühling brachte Anna eine gesunde Tochter zur Welt, mit dem dunklen Haar ihres Vaters, aber den violetten Augen ihrer Mutter. Sie nannte das Mädchen Nadeshda – Hoffnung – und ihre Tochter wurde ihr ganzer Lebensinhalt.

Sie arrangierte sich in ihrem neuen Leben, übte ihre Heilkunst aus und kümmerte sich um Nadeshda. Sie führte den Hof weiter und stellte eine Magd ein, die ihr im Haus zur Hand ging. Diese Magd, Irina, wurde ihr mit der Zeit eine gute Freundin, der sie vertraute und der sie auch Nadeshda anvertraute, wenn sie zu einem Krankenbett gerufen wurde.

Eines Tages kam ein großer Zauberer durch ihr Dorf. Sein Ruhm eilte ihm voraus und nicht alles, was man sich über ihn erzählte, war gut. Man sagte, er würde auch schwarze Magie ausüben und im Bund mit dunklen Mächten stehen. Er war ein düsterer, zynischer Mann, der seine besten Jahre schon hinter sich hatte. Er hatte schon vor langer Zeit seinen Glauben verloren und schon lange hatte nichts mehr sein Herz berührt.

Aber eine höhere Macht lenkte seinen Weg durch dieses Dorf, wo er an einem sonnigen Nachmittag Anna auf einer Wiese erblickte, als sie ihre Heilkräuter sammelte. Ein einziger Blick auf Anna genügte und er war ihr rettungslos in leidenschaftlicher Liebe verfallen. Seine Seele war befleckt, aber seine Liebe zu Anna war rein und ehrlich.

Er warb um sie mit allen Mitteln. Aber Anna wies ihn beharrlich ab. Sie war eine ehrbare Frau und ihre Erinnerung an Andrej war ihr heilig. Sie konnte auch ihre Gefühle für den düsteren Zauberer nicht einordnen. Das Herzrasen, die Unruhe und die Hitze, die er in ihr auslöste, machten ihr Angst. Sie wollte ihn nicht in ihrer Nähe haben und ging ihm so weit wie möglich aus dem Weg. Trotzdem kreisten ihre Gedanken unaufhörlich um ihn.

Als der Zauberer keine andere Möglichkeit mehr sah und seine Sehnsucht nach Anna immer heftiger wurde, belegte er sie mit einem Zauber und machte sie zu der Seinen. Nach einer berauschenden Nacht wachte Anna in seinen Armen auf. Sie verspürte eine nie dagewesene Zufriedenheit und eine tiefe Hingabe für den Mann an ihrer Seite. Aber sie betrachtete es als Verrat an Andrej und sie schämte sich ihrer Gefühle zutiefst. Sie konnte die Wahrheit nicht akzeptieren und lief entsetzt davon.

Sie ließ Nadeshda bei ihrer Vertrauten Irina und versteckte sich in den Wäldern. Als der Zauberer ihre Flucht bemerkte, suchte er nach ihr. Doch all seine Kunst konnte ihm nicht helfen und Anna blieb viele Wochen verschwunden. Er gab nicht auf und suchte beharrlich weiter nach seiner Liebsten, denn er wusste mit völliger Gewissheit, dass sein Leben ohne sie verwirkt war.

Mehr durch Zufall stieß er bei einem seiner Streifzüge auf die Hütte, die Anna im Wald bewohnte. Doch Anna bemerkte ihn rechtzeitig und ergriff erneut die Flucht. Rasend vor Zorn und Sehnsucht verfolgte es sie durch den Wald bis an die steilen Ufer des Witim.

Da ihr Fluchtweg nun abgeschnitten war, drehte sich Anna im Lauf um und blickte zu ihm zurück. Bei diesem letzten flüchtigen Blick in sein Gesicht erkannte sie mit überwältigender Klarheit, was er ihr bedeutete. Dass sie die Seine war und er ihr gehörte, auf eine Art und Weise, die jenseits der menschlichen Gesetze lag. Doch es war zu spät. Durch die plötzliche Bewegung verlor sie das Gleichgewicht und stürzte das steile, felsige Ufer hinab in den Fluss.

Ohne zu zögern sprang er ihr mit einem Aufschrei hinterher.

Er rettete sie vor dem Ertrinken und erreichte mit ihr in seinen Armen das Ufer. Nur um dann erkennen zu müssen, dass sie sich so schwere Verletzungen zugezogen hatte, dass keine Magie der Welt sie mehr retten konnte. Er legte eine Hand auf ihren gewölbten Leib und spürte, dass sie seinen Sohn in sich trug, doch auch dieser war für ihn und diese Welt verloren. Halb verrückt vor Trauer und Schmerz beschwor er die Mächte des Himmels und der Hölle und klagte:

„Unsere Seelen waren füreinander bestimmt, aber du hast Verrat an das Schicksal selbst begangen. Du hast unsere Liebe verleugnet, meinen Sohn getötet und mir jede Hoffnung genommen. So höre gut zu, denn ich werde einen unauflöslichen Bann auf deine Nachkommen legen. Deine Tochter und deren Töchter und Kindeskinder werden an diesen Bann gebunden sein. Keine von ihnen wird ihren Gefährten nach freiem Willen wählen können. Jede wird ihrem Schicksal begegnen und diesem folgen müssen. Sie werden keine andere Wahl kennen und auch der stärkste Geist wird sich dem nicht widersetzen können. Für manche von ihnen wird es ein Fluch sein, für andere wiederum ein Segen. Ihr Schicksalsgefährte wird nicht immer gut sein und sie werden auch nicht immer ihr Glück darin finden. Dennoch wird keine von ihnen den Kreis verlassen können. So lange bis Buße getan ist und Wiedergutmachung geleistet wurde. Erst dann werden unsere Seelen Frieden finden und der Kreislauf wird unterbrochen. Dann wird ein Sohn geboren werden und eine neue Zeit anbrechen.“

Dann, mit seiner sterbenden Geliebten im Arm, öffnete er sich mit seinem Dolch die Blutadern und besiegelte den Bann mit seinem Leben.