Sarah und Jakob

Dies ist die Geschichte von Sarah und Jakob. Eine Geschichte vom Schicksal. Von Liebe und Tod. Aber auch von Hoffnung auf ein neues Leben.

Jakob von Beldeck war noch sehr jung, gerade eben in den Ritterstand erhoben. Er hatte keine eigene Familie mehr außer seinem Onkel, Ritter Heinrich von Rotenhan und einer älteren Schwester, welche sich für ein Leben im Kloster entschieden hatte. Er wurde als kleines Kind seinem Onkel als Knappe übergeben und konnte sich an kein anderes Zuhause mehr erinnern. Nun folgte er Heinrich von Rotenhan, nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen. Trotz seiner jungen Jahre – Jakob zählte in diesem Sommer gerade mal 17 Lenze – hatte bereits eine Hoffnungslosigkeit, ja tiefe Traurigkeit, von Jakob Besitz ergriffen. Denn Heinrich von Rotenhan entsprach mitnichten dem Bild von einem Ritter. Die vielgerühmten Rittertugenden suchte man bei Heinrich vergebens. Weder beschützte er die Schwachen und Wehrlosen, noch nahm er es mit der Wahrheit so genau. Dafür rühmte er sich, die Religion und das Recht zu wahren. Eine Religion, die Heinrich zum Selbstzweck verzerrte und ein Recht, an das Jakob von Beldeck schon lange nicht mehr zu glauben vermochte.

Denn Heinrich von Rotenhan und die Ritter in seinem Gefolge waren Jäger. Menschenjäger. Sie jagten das zur Zeit einträglichste Wild: Hexen und Zauberer. Das Kopfgeld, welches sie bei deren erfolgreichen Verurteilung erhielten, ermöglichte ihnen einen angenehmen Lebensstil, und der Ruhm und die Macht, welche sie durch ihr Tun erlangten, waren so manchem zu Kopf gestiegen. Einige von Heinrichs Rittern glaubten wirklich von ganzem Herzen an die Rechtmäßigkeit ihrer Taten, aber Jakob hatte erkannt, dass Heinrich selbst jeder Glaube fremd war. Heinrich von Rotenhan hatte einen Hang zur Grausamkeit und genoss die Macht, welche er über andere erlangen konnte.

Jakob hatte bereits stillschweigend den Entschluss gefasst, die Gruppe zu verlassen, als er Sarah traf. Sie ritten gerade die staubige Landstraße entlang, auf ein Dorf zu, von dem ihnen gemeldet wurde, dass ein paar Hexen ihr Unwesen treiben würden, als sich vor ihnen die Silhouette eines Mädchens scharf vor der untergehenden Sonne abhob. Schon bei diesem Anblick spürte Jakob, wie etwas mit ihm geschah, wie von dem unbekannten Mädchen eine merkwürdige, unwiderstehliche Anziehungskraft ausging. Aber er traute sich nicht, das Mädchen genauer zu betrachten oder gar das Wort an sie zu richten. Es war gefährlich, die Aufmerksamkeit seiner Gefährten mehr als nötig auf diese einsame, wehrlose Gestalt zu lenken. Ohnehin schlug ihm das Herz bis zum Hals, als sie hoch zu Ross das Mädchen passierten. Zum Glück hatte Heinrich es eilig, das Dorf vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen und ein passendes Quartier zu finden, so dass er das Mädchen lediglich mit einem flüchtigen Blick streifte.

Sie selbst hob nur kurz den Kopf, ihr Blick flog hastig über die herangaloppierenden Ritter, bevor sie wieder die Augen senkte und auf den Boden vor sich starrte. Aber ihr Körper spannte sich an und ihre Schritte hatten ihre Leichtigkeit verloren – sie hatte die Gefahr erkannt.

„Es würde mich nicht wundern, wenn das Frauenzimmer eine von denen wäre“, bemerkte Heinrich höhnisch und wandte sich doch noch mal im Sattel um, um ein Blick zurück auf das Mädchen zu werfen.

Jakob spürte ein Stich durchs Herz und die Vorahnung kommenden Unheils legte sich wie ein schwerer Nebel um ihn. Und tatsächlich sollte sich herausstellen, dass sein Gefühl ihn nicht trog.

Der Name des Mädchens war Sarah und sie lebte mit ihrer Großmutter in einer hübschen, kleinen Kate am Rande des Dorfes. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt als Hebammen und Kräuterfrauen. Bei der Befragung der Dorfbewohner stellte sich heraus, dass sie von den Meisten hoch geschätzt und geachtet wurden. Dieser Teil der Dorfbevölkerung verteidigte die beiden Frauen vehement und hätte jeden Eid darauf geschworen, dass Sarah und ihre Großmutter nichts mit Hexerei zu tun hatten.

Doch es gab eben auch die anderen Stimmen. Die, welche die beiden Frauen aus dem Dorf haben wollten. Die ihnen ihre Beliebtheit, den Respekt, den sie im Dorf genossen, ihr ruhiges, beschauliches Leben und den bescheidenen Wohlstand, neideten. Der Bürgermeister und seine Frau wollten die beiden Frauen mit eigenen Augen durch die Luft fliegen haben sehen. Nur, dass es dem Bürgermeister schon lange ein Dorn im Auge war, dass das Wort der alten Kräuterfrau mehr Gewicht hatte als sein eigenes. Der Sohn des Dorfwirtes behauptete, dass die Milch ihrer Kühe sauer wurde, nachdem Sarah am Stall vorbei lief. Nur, dass der Mann eben Grund hatte Sarah zu grollen, nachdem diese vehement sein Werben um sie abgelehnt hatte. Der Fleischer sagte aus, dass seine 9 Schweine von einem Tag auf den anderen von einer mysteriösen Krankheit dahingerafft wurden, nachdem er Sarah in seinem Schweinestall ertappt hatte. Aber ein paar Tage vor diesem Vorfall waren einige Dorfbewohner an heftigen Magenbeschwerden erkrankt, welche die alte Kräuterfrau und ihre Enkelin auf verdorbenes Fleisch aus der Fleischerei des besagten Fleischers zurückführen konnten.

Und so waren die Beweise gegen die angeblichen Hexen alles andere als hieb- und stichfest, aber Heinrich von Rotenhan genügten sie voll auf. Schon bald machten sie sich auf den Weg zu der Behausung der beiden vermeintlichen Hexen. Diese, durch wohlgesinnte Dorfbewohner bereits vorgewarnt, bereiteten ihre Flucht vor. Sie wussten, dass es keinen Sinn hatte, sich gegen die Anschuldigungen zu verteidigen. Aber es war zu spät! Als sie mit ihrem Gepäck die Hütte verließen, liefen sie Heinrich und seinen Häschern geradewegs in die Arme. Die Greisin stellte sich sofort schützend vor ihre Enkelin und rief ihr zu: „Lauf, Sarah! Lauf!“

Das Mädchen, zart und erschreckend jung, fast noch ein Kind, stand einen Augenblick wie erstarrt da, bevor es sich herumwarf und Richtung Wald losrannte. Jakob betete. Dass sie schnell genug sein würde, dass er seine Gefährten lange genug aufhalten konnte, ablenken konnte. Er trat nach vorne und stellte sich zwischen die Ritter und das flüchtende Mädchen. Aber Sarah machte einen Fehler. Sie sah noch einmal zurück und ihr Blick fiel auf Jakob. Ihre Augen begegneten sich und unvermittelt blieb sie stehen. Jakob schloss die Augen und wusste, dass es keine Rettung mehr gab.

„Hexenaugen!“, zischte Heinrich von Rotenhan hasserfüllt hinter ihm.

Aber Jakob sah keine Hexenaugen, er sah die Liebe. Und Sarah sah nicht den Feind in ihm, sondern erkannte auf den ersten Blick ihren Seelengefährten. Und so – anstatt von den Rittern wegzulaufen – lief sie auf sie zu und suchte Schutz bei Jakob. Einen Schutz, den dieser ihr nicht geben konnte.

Sekunden später waren die Jäger über ihr, fassten sie und schleppten sie zurück zu ihrer Großmutter. Der Anblick der feingliedrigen, zerbrechlichen Kindfrau in den Händen der großen, dunklen, in mächtige Ritterrüstungen gehüllten Männer glich einem Albtraum. Die Alte weinte, aber Sarah sah unverwandt mit großen Augen zu Jakob hin. Den Blick voller Verwirrung und Unverständnis. Jakob zitterte am ganzen Leib, von dem unwiderstehlichen Bedürfnis getrieben, das Mädchen zu schützen. Aber er wusste, dass er sich auf keinen Fall etwas anmerken lassen durfte, wollte er auch nur die geringste Chance erhalten, sie zu retten. Und so wandte er sich von ihr ab und täuschte Gleichgültigkeit vor.

Heinrich von Rotenhan beschloss, die Frauen der Wasserprobe zu unterziehen. Die Wasserprobe war ein allgemein anerkanntes Gottesurteil. Da das Element Wasser rein war, würde es selbstverständlich Hexen abstoßen. Falls die Angeklagte oben schwamm, galt dies als Beweis für Hexerei, doch wenn sie unterging längst nicht als Gegenbeweis, schon gar nicht bei Heinrich. Hexen standen schließlich im Bund mit teuflischen Mächten und konnten auf vielerlei Weise Unschuld vortäuschen. Aber Heinrich kannte ebenso viele Wege, Schuld zu beweisen.

Die Frauen wurden jeweils an einen Holzpfahl gebunden und zu dem nahegelegenen See geschleppt. Die Großmutter weinte und bettelte um das Leben ihrer Enkelin, aber Sarah vergoss keine Träne. Wie erstarrt stand sie da und starrte entsetzt vor sich hin.

„Lass das Wasser nicht empfangen den Körper dessen, der vom Gewicht des Guten befreit, durch den Wind der dunklen Mächte empor getragen wird!“, rief Heinrich mit fanatischer Stimme, bevor er den Befehl gab, die Frauen ins Wasser zu stoßen. Hilflos musste der junge Jakob dem Geschehen beiwohnen.

Die Großmutter ging in dem See unter wie ein Stein und tauchte nicht wieder auf, aber Sarah blieb an der Oberfläche. Der See war salzhaltig, der Holzpfahl ziemlich groß und Sarah zierlich und leicht. Und so verhinderte der Pfahl zwar, dass Sarah unterging, besiegelte aber gleichzeitig ihr Schicksal.

In ihrer Genugtuung, Sarah der Hexerei überführt zu haben, vergaßen die Ritter, die alte Frau aus dem Wasser zu ziehen. Als sie es endlich taten, war bereits jedes Leben aus der Alten gewichen.

„Wohlan. Um die alte Hexe ist es nicht schade. Diese war bloß schlauer als die Junge und dachte, uns täuschen zu können. Aber sie hat ihr Spiel zu weit getrieben und die gerechte Strafe erhalten“, spottete Heinrich vergnügt.

Das Entsetzen in Sarahs Augen wuchs, während sie verständnislos auf den leblosen Körper ihrer Großmutter starrte. Noch immer waren keine Tränen in ihren Augen. Der Schock verhinderte jedes Begreifen.

Aber ihre Tränenlosigkeit war für ihre Häscher ein weiterer Beweis ihrer Schuld. Denn natürlich wussten sie, dass eine Hexe nicht weinen konnte, höchstens sie erschuf trügerische Tränen durch Zauberei. Doch diese junge Hexe schien noch viel lernen zu müssen. So wurde der Mangel an Tränen als weiteres Zeichen für ein Bündnis mit dem Teufel angesehen. Sie schleppten Sarah mit sich und ließen ihre tote Großmutter einfach am Seeufer liegen. Ihr Ziel war das Erzbistum Köln. Der Kölner Erzbischof war gleichzeitig einer der Kurfürsten des Reiches und durfte Recht sprechen.

In der ersten Nacht, in der sie Rast einlegten, schlich sich Jakob zu der Gefangenen, befreite sie von ihren Fesseln und floh mit ihr. Sarah folgte ihm ohne das geringste Zögern. Sie versuchten so viel Abstand wie möglich zwischen sich und ihren Verfolgern zu bringen, aber Sarahs Erschöpfung zwang sie irgendwann anzuhalten. Sie fanden eine Höhle, in der sie unterkriechen und ausruhen konnten.

Die beiden Liebenden klammerten sich aneinander, vergaßen für kurze Zeit die Schrecken, die hinter ihnen lagen und die Gefahr, die ihnen drohte. Für eine magische Nacht fanden sie zueinander und besiegelten ihre Liebe. In dieser Nacht zeugten sie ein Kind. Die Erbin, welche den Bann des Schicksals in sich weitertragen würde.

Doch es gab kein Entkommen. Schon am nächsten Tag hatten die erfahrenen Jäger die Flüchtenden wieder eingefangen. Heinrich von Rotenhan war bereit, seinem Neffen großzügig zu verzeihen. Denn dieser hatte ihm unbeabsichtigt einen weiteren Beweis gegen Sarah geliefert. Natürlich konnte es nur Hexerei sein, wenn sie es geschafft hatte, einen rechtschaffenen Ritter dazu zu bringen, ihr zu helfen. Der junge Jakob war in den Augen der Anderen ihr willenloses Opfer. Jakob fügte sich, ohne die Vorwürfe zu bestreiten, denn er sah keinen anderen Weg, an Sarahs Seite zu bleiben und auf eine erneute Gelegenheit zu warten, um mit ihr zu fliehen.

Aber die Gelegenheit kam nicht mehr. Man ließ Jakob nicht mehr aus den Augen und Sarah wurde unter größtmöglichen Sicherheitsvorkehrungen mitgeschleift. In Köln angelangt, wurde Sarah dem Erzbischof übergeben und dieser ließ das Mädchen unverzüglich in den Kerkerturm werfen. Der Hexenprozess gegen Sarah war nicht mehr zu verhindern. Allerdings hatte der Erzbischof es nicht sehr eilig damit zu beginnen und so beließ man Sarah für viele Wochen im Kerker. Endlose Wochen in denen Jakob – trotz hartnäckiger Versuche – keine Möglichkeit fand, zu ihr zu gelangen, geschweige denn, sie zu befreien. Monate, in denen Sarah jedes Zeitgefühl und jede Hoffnung verlor. Nur das Leben, welches in ihrem Leib heranwuchs und der Gedanke an ihren Liebsten dort draußen, gaben ihr die Kraft, in ihrem dunklen Verließ zu überleben.

Eines Tages wurde sie aus ihrer Zelle gezerrt und sie blinzelte halb blind und geschwächt ins helle Sonnenlicht. Ohne weitere Umschweife wurde sie vor Gericht gestellt, die Richter verlasen die Anklage und begannen mit ihrer Befragung. Ein Recht auf Verteidigung gestand man ihr nicht zu. Jakob war gezwungen, diesem Prozess als hilfloser Zuschauer beizuwohnen. Erst versuchten die Richter, Sarah durch gütliche Befragung zu einem Geständnis zu bewegen. Sarah sollte gestehen, mit dem Teufel paktiert zu haben, sollte Teufelsbuhlschaft und das Wirken von Schadenszauber zugeben. Doch sie blieb stumm. Nachdem die Richter sie wiederholt verhört hatten und keinen Schritt weiter kamen, ordneten sie die Territion an.

Die Territion erfüllte den Zweck, durch das Zeigen und Erklären der Folterwerkzeuge, die Angeklagte dazu zu bringen, ein Geständnis abzulegen. Jetzt begann Sarah doch zu sprechen, aber nur, um ihre Unschuld zu beteuern. Ihre Worte verhallten jedoch ungehört. Da die Angeklagte offensichtlich völlig uneinsichtig war und keine Reue zeigte, folgte das Verhör unter Folter. Man ging von einem Ausnahmeverbrechen aus, dass besondere Härte verlangte und Sarah widerfuhr unermessliches Leid. Als sie es nicht mehr ertrug, an Leib und Seele gebrochen, legte Sarah ein umfassendes Geständnis ab. Sie stimmte jedem Anklagepunkt zu. Es war ihr alles gleichgültig geworden, solange nur die Schmerzen aufhörten. Sie wusste mittlerweile selber nicht mehr, was sie getan hatte und was nicht. Vielleicht war sie tatsächlich sündig und ihre Folterknechte waren im Recht. Sarah wurde schuldig gesprochen und zum Feuertod verurteilt, auf dass sie lebendig verbrannt werden würde, um die Seele zu reinigen.

Zur gleichen Zeit begann ihre Schwangerschaft sichtbar zu werden. Trotz des Schuldspruchs zeigten die Richter Gnade und man gestand ihr zu, das Kind zur Welt zu bringen. Sollte ihr Kind menschlich sein und kein Spross des Teufels, würde man alles daran setzen, die Seele des Kindes zu retten und es in strengem Glauben und Gottesfurcht aufziehen lassen. Erst nach der Niederkunft sollte das Urteil vollstreckt werden. Sarah wurde einstweilen zurück in den Kerkerturm gebracht, wo sie es trotz ihres erbärmlichen Zustands schaffte, die nächsten Monate zu überleben.

Unterdessen hatte Jakob jede Hoffnung aufgegeben, seine Geliebte zu retten. Sein Leben hatte keinen Sinn mehr und so hatte er den Entschluss gefasst, wenn die Zeit gekommen war, mit Sarah zusammen zu sterben. Doch er konnte nicht aus dem Leben scheiden, ohne für sein ungeborenes Kind vorzusorgen. Er machte sich auf dem Weg zu seiner Schwester, die in der Zwischenzeit zur Äbtissin des Klosters berufen wurde, warf sich ihr zu Füßen, erzählte ihr die ganze Geschichte und bat sie, sich des Kindes anzunehmen. Die Äbtissin war eine gerechte und gütige Frau, die die allgemein vorherrschende Meinung über Hexen und Zauberer nicht teilte, ja die Hexenprozesse gar scharf verurteilte. Sie bedauerte von ganzem Herzen, dass es nicht in ihrer Macht lag, den Vorgang zu stoppen und ihrem Bruder und seiner Geliebten zu helfen. Ebenfalls hatte sie mit Schrecken den tödlichen Entschluss in Jakobs Augen erkannt. Doch war sie klug und erfahren genug zu wissen, dass sie ihn nicht würde aufhalten können. Das Einzige, was sie noch tun konnte, war ihrem Bruder zuzusichern, dass sie sich um das Kind kümmern würde.

Zusammen reisten sie zurück nach Köln und kamen gerade noch rechtzeitig an. Das Kind war geboren und das Urteil sollte unverzüglich vollstreckt werden. Unter den wüsten Beschimpfungen eines aufgehetzten Mobs wurde Sarah zum Scheiterhaufen geführt. Eine Sarah, die mit dem Mädchen, welches Jakob vor Monaten kennengelernt hatte, nichts mehr gemein hatte. Ihre Schönheit, ihre Anmut und ihr Lebenswille waren unwiederbringlich zerstört. Eine wandelnde Tote, der lediglich noch der letzte Schritt zur Erlösung fehlte. Als Sarah stolperte und zu fallen drohte, stürzte Jakob vor und fing sie auf. Niemand konnte ihn mehr aufhalten, niemand konnte ihm mehr etwas anhaben. Es ging nicht mehr um ein gemeinsames Leben, es ging darum, zusammen zu sterben. Mit was kann man einem dem Tode Geweihten noch Angst machen? Sarah hob mühsam den Kopf und in den Tiefen ihrer stumpfen Augen blitzte ein Funke, als sie Jakob erkannte. Ein schwacher Abglanz ihres früheren Strahlens. Im stummen Zwiegespräch tauschten sie sich aus, versicherten sich ihrer unverbrüchlichen Liebe.

„Vor allen anwesenden Zeugen bekenne ich mich schuldig, mit dieser verurteilten Hexe im Bund zu stehen. Ein Prozess ist unnötig, da ich hiermit ein volles Geständnis ablege. Die Verbrechen, die ihr zur Last gelegt wurden, erstrecken sich gleichermaßen auch auf mich. Ich bereue nichts und bin bereit, ihr Schicksal zu teilen“, schrie Jakob gut hörbar über den ganzen Platz.

Sarah schüttelte schwach den Kopf und flüsterte mit aufgesprungenen Lippen:

„Nein …. oh nein.“

Aber Jakob hob sie hoch und mit ihr im Arm ging er entschlossenen Schrittes zum Scheiterhaufen. Ohne zu zögern, ohne den verblüfft danebenstehenden Henker zu beachten, erklomm er die Holzstufen und stellte sich hoch erhobenen Hauptes an den Pfahl.

„Es wird nicht nötig sein, uns zu fesseln, wir werden nicht fliehen“, sagte er ruhig an den Henker gewandt.

Die Menge auf dem Platz war nun still. Die Rufe und Schreie waren verstummt. Die Augen der Menschen wanderten zwischen dem Scheiterhaufen und dem Richterstuhl hin und her. So was hatte man, trotz zahlreicher Hexenprozesse, noch nie erlebt. Etwas Merkwürdiges ergriff von den Zuschauern Besitz. Sie spürten die Macht der Liebe, welche sich dem Hass entgegenstellte. Vielleicht zum ersten Mal wurde ihnen bewusst, dass es Menschen waren, die dort oben standen. Dass es genauso gut einer von ihnen sein könnte. Viele wandten sich ab und verließen den Platz.

Der Erzbischof sprang auf und verkündete mit fanatischem Blick:

„Das Urteil soll an beiden gleichermaßen vollstreckt werden!“

Er gab dem Henker das Zeichen zu beginnen.

Der Reisighaufen unter dem Pfahl wurde an mehreren Stellen angezündet und Flammen loderten auf. Von Rauch und Qualm umgeben, zog Jakob ein kleines Flakon aus seiner Tasche und hielt es an Sarahs Lippen.

„Trink Liebste. Alles wird gut. Ich verspreche dir, unser Kind wird in sichere Hände übergeben. Ich bin bei dir!“, flüsterte er.

Sarah sah ihn aus wunden Augen an und trank. Er küsste die letzten Tropfen des Giftes von ihren Lippen, bevor er das Fläschchen selbst an den Mund führte.

„Ich liebe dich!“, sagte er.

„Ich liebe dich“, wisperte Sarah und erschlaffte in seinen Armen.

Als die Flammen die beiden Liebenden erreichten, war schon längst jedes Leben aus ihnen gewichen. Am Ende blieb nur die Liebe.

Weder Sarah noch Jakob hatten ihr Kind je im Arm halten dürfen. Eine kleine Tochter. Kein Kind des Satans, sondern ein vollkommenes Menschenkind, das sichtbare Abbild seiner Mutter.

Die Äbtissin erwirkte, dass das Neugeborene an sie übergeben wurde. In Anbetracht ihrer Stellung und der Festigkeit ihres Glaubens wurde sie für passend befunden, dieses schwer vorbelastete Kind auf den rechten Weg zu führen. Zusammen mit dem Kind gelangte der kümmerliche Nachlass der Eltern in ihren Besitz. Jakobs Schwert und sein Kampfross, und ebenso das einzige weltliche Gut, welches Sarah hinterlassen hatte. Eine kleine Truhe aus Holz, in der sich ein paar unbedeutende Papiere befanden. Im Deckel der Truhe folgende Worte eingeschnitzt:

 

„FATUM VIAM INVENIET“

Das Schicksal findet seinen Weg

 

Die Truhe selbst sowie auch deren Inhalt schienen völlig wertlos, doch ein mitfühlender Wärter bewahrte das Kästchen dennoch auf und übergab es letztendlich der Äbtissin. Sarah hatte sich in der ganzen Zeit ihres Martyriums an diesen Gegenstand geklammert und so nahm der gute Mann an, dass es für sie eine besondere Bedeutung hatte. Vielleicht dachte sie, es würde ihr Glück bringen. Er gab es für das kleine Unglückswürmchen weiter. Gott allein wusste, dass dieses Kind alles Glück der Welt gebrauchen konnte.

Die Kleine wuchs wohlbehütet und geliebt in der sicheren Welt des Klosters auf und ging irgendwann ihren eigenen Weg. Aber dies ist eine neue Geschichte.“