Tink und Paolo

Als Tink sieben Jahre alt war, starb ihre Mutter. Man nahm an, es wäre ein Reitunfall gewesen, aber Tink wusste es besser. Ihre Mutter war eine hervorragende Reiterin gewesen. Sie hätte nicht einfach so die Kontrolle über ihre heißgeliebte Schimmelstute verloren und wäre gefallen. Sie musste schon vorher tot gewesen sein.

Auch wenn niemand ihr glaubte, so war Tink dennoch überzeugt, dass der Fluch ihre Mutter ereilt hatte. Der Fluch, von dem ihre Mutter ihr nur leise flüsternd erzählt hatte, während sie nachts, im Dunkeln, auf ihrer Bettkante saß. Ihre Mutter Vanja hatte sich davor gefürchtet. Vor dem geschnitzten Kästchen aus hellem Ahornholz und vor den darin enthaltenen Geschichten.

Nach Vanjas Tod gehörte das Kästchen Tink. Und obwohl sie noch klein war, war sie fest entschlossen, sich nicht zu fürchten. Sie saß mit dem Vermächtnis ihrer Mutter auf dem Schoß, befühlte die Beschaffenheit des Holzes, das sich über die Jahre und durch die Berührung unzähliger Hände in ein silbern schimmerndes Weiß verwandelt hatte.

Silbern schimmernd, wie das Haar ihrer Mutter. Wie ihr eigenes. Ihre kleinen Finger folgten den Erhebungen und Vertiefungen, die vor langer Zeit in das Kästchen geschnitzt worden waren: das Bildnis einer Rose und eines Dolches. Der Dolch in der Rose versenkt, die Rose eng um den Dolch geschlungen, ihre Dornen tief in sein Heft eingegraben.

Sie las die im Deckel verewigte Inschrift:

„FATUM VIAM INVENIET“

    Das Schicksal findet seinen Weg

Sie hörte Vanjas Stimme hastig wispernd, als ob sie Angst davor hätte, es laut auszusprechen. Als ob sie befürchtete, wenn sie länger als nötig bei den einzelnen Wörtern verweilen würde, könnten diese zu Ungeheuern werden und sie und ihr Kind verschlingen:

„Es gibt da eine alte Legende, die von den Frauen in unserer Familie, von Mutter zu Tochter weitergegeben wird. Die Legende besagt, dass alle Frauen, die in unserer Linie geboren werden, an ein vorbestimmtes Schicksal vergeben sind. Jede von uns wird einem prädestinierten Gefährten begegnen und wird vom ersten Blick an an ihn gebunden sein. Auf Gedeih und Verderb dazu bestimmt, ihm zu folgen. Ohne Rücksicht darauf, ob es Glück oder Unheil bedeutet. Unser Erbe, festgelegt in unserem Blut, schon vor unserer Geburt. An eine Verwünschung gefesselt, die vor langer Zeit ausgesprochen wurde.“

„Mama, es ist nur eine Geschichte“, versuchte Tink sie zu beruhigen.

Ihre Mutter beugte sich weit vor, bis Tink ihren warmen Atem an ihrem  Ohr fühlen konnte. Vanjas Stimme zitterte, während sie die Bürde an ihre Tochter weitergab:

„Lies die Geschichten in diesem Kästchen, moy lyubimy, und du wirst wissen, dass es wahr ist.“

In dem Kästchen waren die Lebensgeschichten aller Frauen in ihrer Familie aufbewahrt. Von Generation zu Generation aufgezeichnet und darin archiviert. Beweise für einen Fluch, an den Tink nicht glauben wollte. Aber ihre Mutter war jetzt tot und ihr Vater schien dem Wahnsinn zu verfallen. Und sie konnte es nicht leugnen, dass viele ähnliche Lebensgeschichten in dem verfluchten Kästchen auf ihrem Schoß lagen.

Also anstatt weiter die Augen davor zu verschließen, traf Tink eine andere Entscheidung: sie würde stärker und härter sein als der Fluch. Sie würde sich dem Schicksal nicht beugen und dadurch den Fluch brechen. Als Rache für ihre Mutter und für all die vielen Frauen davor, die Opfer dieser Unsäglichkeit geworden waren.

Tink hieß eigentlich Katinka. Ihre Mutter, Vanja, entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Als der Fluch sie ereilte, folgte sie ihrem Schicksalsgefährten, einem badischen Markgraf namens Wolfram Otto von Hachberg in sein Heimatland.

Sofern ein kleines Mädchen das beurteilen konnte, meinte Tink, dass ihre Eltern sich durchaus in tiefer Zuneigung zugetan gewesen waren. Auch hatte man ihr stets das Gefühl vermittelt, die innig geliebte Krönung dieser Verbindung zu sein. Doch damit war jetzt Schluss. Ihre Mutter hatte sie für immer verlassen und mit ihrem Tod schien ihrem Vater die Fähigkeit, zu lieben, vollständig abhanden gekommen zu sein.

Er ertränkte seinen Kummer in reichlich Wein und wurde von Tag zu Tag immer unberechenbarer. Manchmal tobte er bis zur vollkommenen Erschöpfung durch Haus und zerschlug alles, was ihm in den Weg kam. Dann wiederum schlich er still und leise durch die Gänge, wie ein rastloser Geist, während er unverständliches vor sich hinmurmelte. Schon bald wollte ihm Tink weder in dem einen Zustand, noch in dem anderen begegnen.

Immerhin machte er sich die Mühe, ihr eine Gouvernante zu besorgen. Auch wenn Fräulein Hildegard, die Gouvernante, wohl kaum die passende Person war, für ein trauriges, kleines Mädchen, das gerade seine Mutter verloren hatte. Denn Frl. Hildegards Wesen war von arktischer Kälte und kompromissloser Strenge geprägt. Sie hielt nicht das Geringste davon, Kinder in irgendeiner Form zu verhätscheln. Dafür umso mehr von rigoroser Disziplin und körperlicher Züchtigung.

Tinks altes Kindermädchen, Antje, war nun die einzige, die dem Kind ein wenig Wärme und Trost bot. Eine Gegebenheit, die Frl. Hildegard absolut nicht guthieß. Sie beschwerte sich beim Markgraf, woraufhin dieser – mehr aus Gleichgültigkeit, denn aus Überzeugung – Antje entließ.

Das Einzige, was ihr Vater ihr jetzt noch mit auf den Weg gab, waren Befehle und eine permanente Eintrichterung von Standesdünkel.

„Du bist eine Prinzessin, Katinka, du stehst weit über den anderen. Ich erwarte von dir, dass du dich entsprechend benimmst. Keine Schwäche, kein Zaudern, weder in deinen Worten, noch in deiner Haltung. Du wirst deinen Zweck erfüllen, so wie ich ihn für dich bestimme. Ich erwarte Gehorsamkeit und Ehrerbietung von dir.“

Gehorsam fiel Tink nicht leicht, aber sie wollte ihrem Vater zu Gefallen sein. Sie hatte ja sonst niemanden. Nach und nach verkümmerte das Pflänzchen der Güte und Liebe, das ihre Mutter in ihr gesät hatte, zu einem dünnen, vertrockneten Faden. Die nüchterne Entschlossenheit, die sich bereits als Kind bei ihr abgezeichnet hatte, wurde ihr vorherrschendes Wesensmerkmal. Die Härte, die sie sich vorgenommen hatte zu entwickeln, ergab sich fast von selbst.

Ihre Mutter hatte sich mit Kräuter- und Heilpflanzen beschäftigt und hatte die Gabe des Heilens besessen. Vanja hatte ihr auch jede Menge Bücher hinterlassen, in denen sie ihr Wissen niedergeschrieben hatte. Also pflegte Tink die Pflanzen weiter und vertiefte sich in Mutters Aufzeichnungen, da sie sich ihr dadurch wenigstens für eine kurze Zeit, nahe fühlen konnte. Aber sie wollte keine Heilerin werden. Nein! Sie hielt sich für völlig ungeeignet dafür.

Auch interessierte sie sich selbst mehr für exotischere Gewächse, die schwieriger zu züchten und zu halten waren. Lange Zeit versuchte sie eine schwarze Tulpe zu züchten und ging ganz darin auf. Dann entdeckte sie die fleischfressenden Pflanzen und war von da an völlig davon fasziniert. In ihren Gewächshäusern zog sie Sonnentau und Fettkräuter, Roridula und Taublatt. Als ein Bekannter ihres Vaters, ihr ein paar Setzlinge von Kannenpflanzen und Fliegenfallen von seiner Indienreise mitbrachte, hätte ihre Freude nicht größer sein können.

Schon bald jedoch sollte sie feststellen, dass der Bekannte ihres Vaters, Fürst Georg von Reuß, nicht ganz uneigennützig gehandelt hatte. Tink war jetzt siebzehn und ihr Vater fand, es war höchste Zeit, sie zu verheiraten. Er strebte eine möglichst vorteilhafte Verbindung für sie an und der Fürst entsprach absolut seinen Vorstellungen. Es spielte keine Rolle, dass er fast so alt war, wie Markgraf Wolfram selbst. Ebenso wenig wie die etwaigen Gefühle seiner Tochter eine Rolle spielten.

Doch Tink dachte gar nicht daran, sich dieser Verbindung zu widersetzen. Es war ihr schlicht gleichgültig. Wenn man hier überhaupt von Gefühlen sprechen konnte, so fühlte sie vielleicht so etwas wie einen leichten Triumph. Sie glaubte, dadurch den Fluch besiegt zu haben. Sie war verlobt, vergeben, es gab kein zurück. Sollte das Schicksal ihr jetzt einen Gefährten schicken wollen, so würde sie ihm ins Gesicht lachen. Der Fluch, das Schicksal und jedweder Schicksalsgefährte konnten dort bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Wenn nur immer alles so einfach wäre …

***

Das Schicksal geht meistens seine eigenen Wege. Vor allem, wenn man zu den Frauen in Tinks Familie gehörte. Keine konnte bisher dem Fluch entkommen.

Und so ereilte es auch Tink – an einem Frühlingsnachmittag, während sie unter einem üppig erblühten Kirschbaum im Garten saß und die ersten warmen Sonnenstrahlen genoss.

Sie hörte ihn, bevor sie ihn sah.

Glöckchen mit silbernem Klang kündigten seine Ankunft an. Dann bog das merkwürdigste Gefährt auf den akkurat gepflegten Parkweg vor dem Palast ein. Es war groß und viel höher als alle Kutschen, die Tink je gesehen hatte. Die Seitenwände waren bunt bemalt mit Blumen, Schmetterlingen und allerlei Fabelwesen, die Tink in keinster Weise einordnen konnte. Bunte Bänder flatterten im Wind und verliehen dem Gefährt eine unwirkliche Wirkung. Als ob es aus den Lüften herbeigeschwebt wäre.

Dagegen sprach aber die vor dem Wagen eingespannte Kreatur. Es muss ein Pferd sein, dachte Tink, aber es sieht nicht aus wie eines. Es hatte nämlich einen dunkelgrünen Stachelkamm auf dem Rücken und die Hufe glitzerten golden. Außerdem hatte es überall auf seinem grau-silbernen Fell größere und kleinere Punkte in vielen verschiedenen Lilatönen. Ungläubig blinzelnd trat Tink näher.

Abgelenkt durch die Drachenpferd-Kreatur, nahm sie den Mann erst verzögert wahr. Wenn möglich, sah er sogar noch seltsamer aus, als Kutsche und Drachenpferd zusammengenommen. Tink starrte ihn ungläubig an.

Schon allein seine Größe war beeindruckend. Dann trug er dazu noch eine Art Zylinderhut, sehr hoch, mit breiter Krempe. Der Hut sah aus, als ob er sich, in einem Anfall von Wahnsinn, selbst zusammengesetzt hätte. Farbige Streifen und Stoffflecken, Leder und Samt, Brokat und Chiffon. Brombeerfarbe neben grasgrün. Waren da etwa Blätter mit eingenäht?

Von unter dem Hut floss eine lange, etwas zersauste Haarmähne über Schultern und Rücken – schwarz wie die Nacht. Ein recht kräftiger Rücken – ganz nebenbei bemerkt – mit beeindruckend breiten Schultern. Tink hatte noch die Geistesgegenwart, sich über sich selbst zu ärgern, weil sie derlei Dinge so bewusst wahrnahm.

Dann stand er bereits direkt vor ihr und musterte sie offen, von Kopf bis Fuß. Es brachte sie vollkommen aus der Fassung. Nicht nur, weil sich eine derart offene Musterung einer Dame ihres Standes gegenüber nicht gehörte, sondern hauptsächlich deshalb, weil sie sein Gesicht zum ersten Mal aus der Nähe sah. Er war schön! Nun, vielleicht war schön das falsche Wort. Dafür waren seine Gesichtszüge zu kantig, sein Mund zu groß, seine Stirn zu breit. Zudem entsprach seine Hautfarbe in keinster Weise dem vorherrschenden Schönheitsideal von farbloser Blässe. Sie war von einem sonnenwarmen Braunton mit goldenem Schimmer. Aber vielleicht entstand dieser Effekt auch nur aufgrund der breiten, goldenen Ringe, die seine Ohrläppchen schmückten. Dunkle Stoppeln bedeckten Kiefer und Wangen, als ob er sich seit 2 – 3 Tagen nicht mehr rasiert hätte.

Er trug einen roten Mantel aus schimmerndem Samt. Die Knöpfe daran, groß wie Gulden, hatten die Form von Totenköpfen.

Aber das faszinierendste waren seine Augen. Etwas derartiges hatte Tink noch nie gesehen. Sie waren verschiedenfarbig. Eins von einem tiefen blau, wie das Meer im Sommer. Das andere, in einem dunklen Waldgrün, wie die Schatten am Rande einer sonnenbeschienenen  Lichtung.

Als diese Augen nun auf ihr ruhten, wusste Tink es: er war es! Der Fluch hatte sie gefunden und ihr ihren Schicksalsgefährten gebracht. Es hatte nichts mit Logik oder Vernunft zu tun. Es war keine bewusste Entscheidung. Tatsächlich hatte es mit dem Wort „Entscheidung“, überhaupt nichts zu tun. Es war einfach so. Sie fühlte es tief in sich, wie sich etwas verlagerte und sich in eine Stelle einfügte, wo sie gar nicht gewusst hatte, dass da eine Lücke war.

Nein! Nein, sie würde es nicht akzeptieren! Erschrocken wich Tink einen Schritt zurück. Aber der Mann blieb ganz ruhig. Er lächelte sie an und sein Lächeln war ihr wie ein Stich ins Herz.

„Wer seid Ihr?“, stammelte sie, wenig damenhaft.

Mit einer eleganten Bewegung, die für einen Mann seiner Größe, durchaus beachtenswert war, riss er sich den Hut vom Kopf und vollführte eine weit ausholende Verbeugung. Sein Haar fiel ihm ins Gesicht und jetzt bemerkte Tink, dass sich vorne zwei lange, schlohweiße Strähnen in das Mitternachtsschwarz einflochten.

„Ich bin Palo“, erwiderte er.

Der Wind fuhr in seine wilden Locken, zersauste sie noch mehr. Seine verschiedenfarbigen Augen ruhten auf ihr und sein Lächeln spiegelte sich in ihnen wieder. Seine Stimme sandte ihr heißkalte Schauer über den Rücken. Sie war tief und volltönend, und sie konnte darin einen Akzent ausmachen, den sie noch nie gehört hatte.

„Woher kommt Ihr?“, fragte sie zusammenhanglos weiter.

War er ein Zigeuner? Gehörte er zum fahrenden Volk? Aber eigentlich war es völlig gleichgültig, woher er kam und wer er war. Er war ein unwürdiger Gaukler und sie eine Prinzessin. Sie hatten nicht das Geringste gemein. Zudem war sie so gut wie verheiratet. Mit einem Mann von edlem Stand, der vollkommen passend für sie war.

Also warum stellte sie ihm Fragen?

„Aus Alhambra, meine Dame“, gab er ihr dennoch bereitwillig Auskunft.

Tink zermarterte sich das Gehirn, um diesen exotisch klingenden Ort auf einer Landkarte einzuordnen.

„Ich bin eine Prinzessin. Die korrekte Anrede, ist Eure Durchlaucht!“, wies sie ihn scharf zurecht und ließ so viel Arroganz wie möglich in ihre Stimme einfließen.

Er lachte einfach nur.

„Encantada, mia princesa …“

„Was wollt Ihr hier? Mein Vater duldet keine Herumtreiber!“

Sein Gesicht wurde ernst und nachdenklich und seine Stimme eine Oktave tiefer.

„Vielleicht ist es meine Bestimmung, hier zu sein …“

Dann zwinkerte er ihr mit seinem grünen Auge zu und lachte bereits wieder.

„Oder vielleicht möchte ich Euch auch nur unterhalten.“

Er hob die Hand und schnippte mit den Fingern.

Im nächsten Moment huschte ein pelziges Etwas aus dem Wagen, das sich blitzschnell daran entlang hangelte. Es griff nach einem Gebilde, an dessen unterem Ende sich ein Rad befand, sprang auf und kam damit auf sie zu. Zwar schwankend aber mit großer Geschwindigkeit. Dabei machte es laute, keckernde Geräusche.

„Was ist das?“, keuchte Tink und wich noch ein Stück zurück.

Der Gaukler lachte laut auf.

„Das ist ein Äffchen, mia princesa.“

Lachte er sie etwa aus? Wie konnte er es wagen!

„Das weiß ich!“, fuhr sie ihn an. „Aber worauf sitzt er da?“

Er wandte sich mit hochgezogenen Augenbrauen um, als ob er selbst auch nicht wüsste wovon sie sprach.

„Auf einem Rad“, verkündete er schlussendlich. „Auf einem Rad, das fährt.“

„Was tut er denn?“, rief Tink aus, während das Äffchen auf dem Rad sie zu umkreisen begann.

„Na, Fahrradfahren, würde ich sagen“, antwortete er gelassen, während seine Augen zwischen dem umherflitzenden Affen und der schönen Prinzessin hin und her glitten.

Tink hatte dieses Wort noch nie gehört, ebenso wenig wie sie noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte. Doch sie zwang sich, ihre Neugierde zu unterdrücken und den unverschämten Gaukler in seine Schranken zu weisen.

„Ihr seid von einer unerhörten Impertinenz. Mein Vater wird …“

„Glaubt Ihr, dass Euer Vater so großzügig wäre, mir zu helfen, mich hier, in diesen für mich fremden Gefilden, zu etablieren?“, unterbrach er sie mitten in ihrer Tirade.

Das was er sagte, war so vollkommen Gegensätzlich zu dem, was sie ihm androhen wollte, dass sie einfach mit offenem Mund stehen blieb.

Als ob es einen Unterschied machen würde, beteuerte er mit funkelnden Augen:

„Ich habe noch anderes anzubieten. Heilsalben, Wunderkuren, Zukunftsvorhersagen, leichte bis mittelschwere Beschwörungsformeln…“

Jetzt war es an ihr, laut aufzulachen.

„Ihr seid ein Scharlatan!“

„Aber nein!“, beteuerte er. „Es ist erwiesen, dass meine Mittel funktionieren.“

Während er redete, machte er dem Äffchen Handzeichen. Das Tier fuhr zum Wagen, warf das Rad weg und sprang hinein. Nur um sogleich wieder herauszuhüpfen und mit großen Sprüngen auf sie zuzulaufen. Es sprang seinem Herrn auf die Schulter und hielt ihm einen kleinen Tiegel hin.

„Diese Salbe, beispielsweise“, sagte Palo, während er dem Tier den Tiegel abnahm, „hilft gegen Sommersprossen.“

Unvermittelt griff er nach Tink, hielt ihr Handgelenk fest und streifte den Ärmel ihres weißen Musselinkleides nach oben. Dann fuhr er mit seinen schlanken, kräftigen Finger über ihren Handrücken, ihr Handgelenk und den Unterarm nach oben. Er folgte einer Spur von zarten Flecken, die sich in einem kaum merklich dunkleren Ton von ihrer sahneweißen Haut abhoben.

Tink bekam weiche Knie und meinte, den Halt zu verlieren. Noch nie hatte es jemand gewagt, sie auf diese Weise anzufassen. Etwas Seltsames geschah mit ihr. Ihr Atem ging keuchend und ihr schwindelte. Sie hatte noch nicht einmal bemerkt, dass er den Tiegel geöffnet hatte und etwas von der darin enthaltenen Salbe entnommen hatte. Ganz langsam, mit sanft kreisenden Bewegungen, massierte er die grünliche Salbe in die empfindsame Haut ihres Handgelenks. Es roch angenehm nach Kräuter und Honig und es fühlte sich gut an. Zu gut!

Erschrocken riss Tink sich von ihm los und hielt ihren Arm von sich gestreckt, als ob er nicht zu ihr gehörte, als ob er sie verraten hätte.

„Sie ist grün!“, schrie sie ihn an, bevor sie merkte, dass ihre Worte keinen großen Sinn ergaben.

„Aber sie hilft“, sagte er leise.

Seine Stimme klang seltsam gepresst und sein Brustkorb hob und senkte sich sichtlich unter seinen schnellen Atemzügen.

„Was?“, stammelte sie verlegen.

„Seht Ihr etwa noch Sommersprossen?“, sagte er und deutete gelassen auf ihren grün eingeschmierten Arm.

***

Drei Wochen später war er ihr Liebhaber.

Jede Nacht schlich er sich heimlich in ihr Bett. So waren die Nächte voll seligem Zauber, doch ihre Tage trostlos grau, erfüllt von quälenden Gewissensbissen.

Tink war ihrem exotischen Schicksalsgefährten restlos verfallen und schämte sich unendlich dafür. Niemals würde sie ihn anerkennen. Niemals würde sie ihre Gefühle für ihn zugeben. Vor niemandem, am allerwenigsten vor ihm.

Palo hingegen, betete sie an. Unendliche Male versicherte er ihr seine unverbrüchliche Liebe. In seiner Sprache und in ihrer. Und hätte er es vermocht, hätte er ihr den Mond und die Sterne zusammen mit seinem noch schlagenden Herz auf einem Silbertablett serviert.

„Wir können zusammen fliehen, mi corazón. Du musst dir keine Sorgen machen. Bei mir wärst du sicher. Ich bin der deine und du bist mein. Ich würde alles für dich tun.“

Dabei strahlten sie seine verschiedenfarbigen Augen voller Vertrauen und Liebe an.

Verstand er denn nicht, dass sie keine gemeinsame Zukunft hatten? Niemals würde sie mit ihm fliehen. Sie war fest entschlossen, ihren standesgemäßen Verlobten zu ehelichen und den Fluch, das Gerede von Schicksalsfügung, Palo und ihre verzauberten Nächte hinter sich zu lassen.

Sie würde es ihm sagen. Heute Nacht würde sie es tun.

Doch sie kam nicht mehr dazu.

Schwere Schläge krachten gegen das Holz ihrer Kammertür. Tink erbleichte und Palo richtete sich auf, um sich schützend vor seine Geliebte zu stellen.

„Ich befehle dir, die Tür zu öffnen! Sofort!“, donnerte eine laute Stimme.

Tink meinte, die Stimme ihres Verlobten, des Fürsten Georg, zu erkennen. Doch sicher war sie sich nicht. Zu sehr verfälschte die rasende Wut darin deren Klang.

Wie erstarrt saß sie da. Palo redete auf sie ein. Hastig, eindringlich. Seine Worte überschlugen sich, flossen ineinander, ergaben keinen Sinn. Als er ihr ein einfaches Übergewand zuwarf, schlüpfte sie blind hinein, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie sah ihm zu, wie er in seine Beinkleider schlüpfte, wie er die Tür zum Balkon aufriss und über die Brüstung starrte. Er rief ihr etwas zu, doch sie reagierte nicht.

In ihrem Kopf hörte sie nur die donnernden Fäuste, die gegen ihre Tür schlugen. Es war vorbei!

Ganz langsam drehte sie den Kopf. Sah ihren Geliebten an. Die wild fliegenden Haare, mit den seltsamen weißen Blitzen darin. Seinen prachtvollen, nackten Oberkörper. Die golden schimmernde Haut, die sich über hervortretende Muskeln spannte. Wie oft hatte sie in den letzen Wochen diese Haut liebkost? Sich daran erfreut … Sie kannte jede Erhebung und Vertiefung.

Wie oft hatte sie seine vollen Lippen geküsst? Die leicht raue Haut seines kantigen Gesichts gestreichelt. In seine außergewöhnlichen Augen geblickt – eins meeresblau, das andere waldgrün. Sein Duft, seine Stimme, seine gesamte Existenz hatten sie verhext. Er hatte sie für immer verzaubert und auf alle Zeit verdorben. Sie würde es ihm nie verzeihen.

„Verschwinde!“, sagte sie rau, aber entschieden.

Seine Augen wurden ganz groß und er schüttelte ungläubig den Kopf.

„No! Mi cielo, mi vida. Nein! Komm mit mir. Ich liebe dich!“

Er eilte zu ihr zurück, schaffte es aber nicht mehr bis zum Bett.

Der erzürnte Fürst und seine Handlanger hatten so lange gegen ihre Tür getreten, bis diese nun schlussendlich nachgab. Nun stand er da, wutschnaubend, das Gesicht vor Hass verzerrt. In seiner Faust hielt er sein blankes Schwert. Die schimmernde Schneide glitzerte bedrohlich im Schein des Kaminfeuers. Hinter ihm seine Handlanger, die ihn stets auf seinen Reisen begleiteten.

Auch wenn Fürst Georg ihrem Vater im Alter näher kam, so hatte er nichts gemein mit dem gebrochenen, der Trunksucht anheimgefallenen Markgrafen. Fürst Georg war groß, kräftig und kampferprobt. Mit einem besiegten Gegner kannte er keine Gnade – das wusste Tink. Mitgefühl und Vergebung gehörten nicht zu seinen Wesenszügen. Und nun war er wütend. Nein! Rasend vor Zorn.

„Du hinterhältige Dirne! Du hast mich verraten“, brüllte er sie an und zeigte mit der Schwertspitze auf sie.

Mit einem Satz stand Palo zwischen dem Schwert und seiner Geliebten. Worte kamen aus seinem Mund, aber Tink verstand sie nicht. Die beiden Männer brüllten sich an. Immer lauter, immer heftiger …

„GENUG!“, donnerte Fürst Georgs Stimme.

Auf sein Zeichen hin stürzten sich seine Männer auf Palo.

Gewiss hätte er sich im Kampf mit Fürst Georg durchsetzen können.  Vielleicht hätte er auch gegen ihn und 1 – 2 seiner Männer bestehen können. Doch nicht gegen alle. Er wehrte sich, so lange er konnte. Er kämpfte mit der Verzweiflung eines wilden Tieres, das seine Gefährtin beschützt. Aber letzen Endes fassten sie ihn und warfen ihn nieder.

Was danach kam … Daran konnte sich Tink später nur bruchstückhaft erinnern.

Sie erinnerte sich an eine Schwertspitze, die plötzlich aus Palos Brust herausragte. An Blut. Blut, das seinen nackten Oberkörper hinabrann. Blut in seinem schönen Gesicht.

Sie erinnerte sich an seine Augen. An blau und grün, das sich in ihre amethystfarbene senkte. Sie erinnerte sich deutlich an den Abschied, der in ihnen stand.

Dann Hände … Hände, die ihren Geliebten aus dem Zimmer zerrten, bis zur steinernen Brüstung. Darunter ungefähr 26 Fuß Tiefe, bis die große Eingangshalle kam.

Dann sah sie ihren Vater, der schwankend aus seiner Kammer kam. Er war sturzbetrunken und musste sich mit beiden Händen im Türrahmen abstützen. Doch der Lärm hatte ihn selbst in diesem Zustand herausgelockt.

„Bitte, Vater!“, flehte sie ihn an. „Hilf uns!“

Er schüttelte den Kopf, in einem vergeblichen Versuch, seine verworrenen Gedanken zu klären. Dann glitten seine blutunterlaufenen Augen zwischen seiner Tochter und ihrem Verlobten hin und her. Mit einem abscheulichen Lachen stieß er lallend hervor:

„Was geht mich das an? Ich werde mich doch nicht in euren Rosenkrieg einmischen.“

Er kippte mehr nach hinten, als dass er ging und warf seine Tür geräuschvoll hinter sich zu.

Sie hörte einen heiseren Schrei.

Palo, der weit unter ihr auf dem makellosen Marmor der Eingangshalle lag. Fließendes Rot breitete sich um ihn aus. Hob sich grell gegen das reine Weiß ab. Blut in seinem Haar. Purpur, das seine schlohweißen Haarsträhnen durchtränkte, bis sie aufhörten zu leuchten.

Mit einem Aufschrei, der nicht der ihre zu sein schien, stürzte Tink zur großen Treppe. Dann schloss sich Fürst Georgs Hand um ihren Oberarm, wie eine Klemme.

„Wenn du es wagst, auch nur daran zu denken, da hinunterzugehen, stoße ich dich lieber eigenhändig hinterher. Dann kannst du diesem elenden Hundsfott wahrlich Gesellschaft leisten.“

***

Acht Monate später war Tink eine verheiratete Frau.

Ihr Vater war, kaum 3 Wochen nach der Trauungszeremonie, unter recht mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Man fand ihn, am Fuß der Treppe, mit verrenkten Gliedmaßen und gebrochenem Genick. Er musste wohl im Suff die Stufen herabgefallen sein.

Das nicht unbeträchtliche Vermögen des Markgrafen ging an den frisch angetrauten Gatten seiner einzigen Tochter über.

Tink, nur noch ein Schatten ihrer selbst, legte die Hände auf ihren stark gewölbten Leib und sah mit leerem Blick aus dem Fenster. Ihr Kräuterbeet im Garten war verwelkt. Die sorgfältig gehegten und gepflegten Pflanzen in ihrem Gewächshaus schon lange vertrocknet. Sie durfte ihre Kammer nicht mehr verlassen.

Alle vormalige Entschlossenheit war von ihr abgefallen. Sie war nicht mehr mutig und furchtlos. Tink hatte Angst. Aber nicht vor dem Fluch oder dem Schicksalskästchen ihrer Mutter. Es gab Verletzungen, die einem nicht die Haut aufrissen, sondern die Augen öffneten. Zu spät hatte Tink erkannt, dass dieser Fluch eigentlich ein Segen gewesen wäre. Doch es gab kein zurück mehr.

Nun fürchtete sie ganz konkrete Dinge. Denn sie wusste, dass das Kind in ihrem Leib verloren war, sobald es diesen verließ. Und mit ihm, auch sie.

Als das Kind geboren wurde, setzte sich die mitfühlende Wehfrau über die ausdrücklichen Befehle des Fürsten hinweg und gestattete Tink, ihr Neugeborenes kurz im Arm zu halten. Es war eine Tochter – aber das war keine Überraschung. Denn seit vielen Generationen waren in ihrer Linie nur Töchter geboren worden. Mädchen, mit amethystfarbenen Augen und silberblondem Haar. Genau wie Tinks Tochter.

Es gab nichts, was sie dagegen tun konnte, dass man ihr das Kind aus ihren Armen entriss. Für Tink gab es keinen Grund mehr zu leben.

Dennoch atmete sie weiter, ihr Herz – obwohl es sich leblos anfühlte – schlug weiter in ihrer Brust. Und da es so war, konnte der Fürst seinen rechtmäßigen Anspruch auf sein ihm angetrautes Eheweib erheben. Viele Jahre versuchte der Fürst, einen Erben zu zeugen. Doch Tinks Leib hatte mit der Geburt dieser einen Tochter, die nicht die seine war, alle Fähigkeiten eingebüßt, Leben zu schenken.

Tinks ehemals strahlende Schönheit war verwelkt. Ihre edelsteinfarbigen Augen erloschen. Was nützte es, dass sie noch umherwandelte? Sie glich eher einem seelenlosen Geist, der gegen seinen eigenen Wunsch unter den Lebenden weilte. Sie war zu nichts mehr nütze und für den Fürsten nur noch eine unerwünschte Last.

Also sagte er sich von ihr los. Auf sein Geheiß hin wurde sie als erklärte Irre in eine Verwahrungsanstalt überbracht. In einem seltenen Anflug von Gnade verfügte er, dass man in diesem Fall von körperlich schmerzhaften Behandlungsmaßnahmen absehen sollte. Es war ohnehin keine Besserung ihres Zustandes zu erwarten – ganz abgesehen davon, dass ein derartiger Verlauf auch nicht erwünscht gewesen wäre. Außerdem gewährte er ihr eine persönliche Pflegerin, die sich um Tinks elementare Belange kümmern sollte.

Aber Tink hatte keine Belange mehr – ebenso wenig wie sie noch Wünsche hatte. Außer dem einen großen Wunsch, sie möge endlich von ihrem Leid erlöst werden.

Als ihr dieser einzige und letzte Wunsch endlich gewährt wurde, schloss Tink die Augen und lächelte – seit gefühlten Äonen, das erste Mal wieder. Dann hieß sie ihr Ende willkommen.

***

Hoch oben im Norden, an einer stürmischen Küste, wo ein stahlgraues Meer seine Wellen mit Ebbe und Flut ausschickte und wieder zurückzog, wuchs ein kleines Mädchen bei einer armen Fischersfamilie auf.

Dem Paar war kein eigener Kindersegen zuteil geworden und das kleine Mädchen, das ihnen auf anderem Wege geschenkt wurde, war ihr ganzes Glück.

Ein Mädchen, mit silberblonden Locken und außergewöhnlichen, violettfarbenen Augen.

Sie hatten ihr den Namen Elisann gegeben und liebten sie von ganzem Herzen. Geradeso, als wäre es ihr eigenes Kind.